Elftausend Kinder
6 October 2006 at 11:55 | In Aktionen, Elftausend Kinder |Boykott durchbrechen
06.10.2006BERLIN/KARLSRUHE/JENA/PARIS (Eigener Bericht) - Auf einer Aktionskonferenz haben deutsche Initiativgruppen Gedenkveranstaltungen für die Deportationsopfer der Deutschen Reichsbahn beschlossen. Insgesamt drei Millionen Menschen aus fast sämtlichen Staaten Europas waren während der deutschen NS-Herrschaft auf dem Schienenweg in Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt worden. Unter ihnen befanden sich auch elftausend jüdische Kinder aus Frankreich. Bis heute weigert sich die Berliner Bahn AG, das Nachfolgeunternehmen der Deutschen Reichsbahn, auf den Bahnhöfen der früheren Todestransporte Gedenkausstellungen zuzulassen. Wie das milliardenschwere Unternehmen behauptet, fehlten ihm dafür die finanziellen Mittel. Die Teilnehmer der Frankfurter Aktionskonferenz rufen zu bundesweiten Veranstaltungen im Umfeld des 9. November (Reichspogromnacht) auf. Dabei werde man die Bahnreisenden nicht nur an den Knotenpunkten der früheren Todestransporte, sondern auch auf den Deportationsstrecken umfassend informieren, teilen die Initiatoren mit. Auch an grenzüberschreitende Zugläufe sei gedacht. german-foreign-policy.com veröffentlicht Namen und deutsche Herkunftsorte deportierter Kinder.
Aktionen zu Ehren der verschleppten Reichsbahn-Opfer kündigen Initiativen in den Regionen Hamburg, Köln, Frankfurt am Main, Mannheim, Karlsruhe, Weimar und Leipzig an. Demonstrationen und Veranstaltungen sollen im Umfeld des 9. November stattfinden und an die ersten Massendeportationen auf dem deutschen Schienennetz im Jahr 1938 erinnern. Damals folgten den Brandschatzungen jüdischen Eigentums Verhaftungen und Internierungen hunderter Deutscher, die der Ethno-Ordnung der Berliner Regierung anheim fielen oder politisch missliebig waren. Sie wurden von der Reichsbahn in Konzentrationslager verbracht.In Viehwaggons
Auf die Deportationserfahrungen des November 1938 konnte die Deutsche Reichsbahn zurückgreifen, als sie wenige Jahre später zum größten Logistiker der NS-Massenverbrechen wurde. Beispielhaft und für die Skrupellosigkeit der deutschen Politik kennzeichnend sind die Bahn-Deportationen jüdischer Kinder aus Frankreich. Ihre letzte Reise führte über das zentrale deutsche Schienennetz. Für die Todesfahrten ließ sich die Deutsche Reichsbahn Personenentgelte zahlen.[1] Unter den etwa elftausend Deportierten waren über 600 Kinder deutscher und österreichischer Emigranten. Auf dem Weg in die Vernichtungslager fuhren viele von ihnen durch die Bahnhöfe ihrer Heimatorte - in Viehwaggons.Bündnisse
Deportationsprotokolle, die der französische Historiker Serge Klarsfeld in mehrjähriger Arbeit rekonstruierte, erlauben eine genaue Identifizierung der Opfer. Die Initiativgruppen halten entsprechende Namenslisten bereit, aus denen die deutsche Herkunft der verschleppten Kinder hervorgeht. Neben großstädtischen Zentren (Berlin, Frankfurt am Main, Leipzig u.a.) werden auch Mittel- und Kleinstädte als Ausgangspunkte der Todesodyssee genannt, so Bonn, Darmstadt, Duisburg, Hachenburg, Plauen, Rust, Tiengen oder Worms. Die Initiativgruppen rufen dazu auf, in diesen und anderen Orten lokale Bündnisse einzugehen, um die Bahn-Reisenden im Umfeld des 9. November an das namentlich bekannte Schicksal der Verschleppten zu erinnern.Umwidmung
Die bereits tätigen Initiativen haben angekündigt, zu unterschiedlichen Aktionsformen zu greifen, die ihren jeweiligen Möglichkeiten entsprechen. So werden an einigen Orten Führungen stattfinden, um die Deportationslogistik der früheren Reichsbahn an weiter bestehenden Einrichtungen der heutigen Bahn AG nachzuvollziehen. Andere Initiativen wollen Reisende durch Filmvorführungen informieren oder planen die Umwidmung heutiger Bahnbezeichnungen, um Namen der Deportationsopfer zu ehren. Da die Todeszüge grenzüberschreitend verkehrten, werden die Ehrungen auch benachbarte Regionen einbeziehen, heißt es bei der Initiative Elftausend Kinder. Bündnisse, die im Umkreis des diesjährigen 9. November erstmalig an die Ermordeten erinnern wollen, werden aufgerufen, mit Fotos der Kinder oder Kunstinstallationen in den jeweiligen Bahnhofsbereichen zu informieren.Exponate
Die von der Deutschen Bahn AG verweigerten Ausstellungen auf den Personenbahnhöfen werden inzwischen von städtischen Einrichtungen in der gesamten Bundesrepublik eingeladen - in einer reduzierten und mit Eigenmitteln ausgestalteten Version. Neben Leipzig [2] haben Veranstalter in Potsdam, Pforzheim, Eutin und Delmenhorst angefragt, ob eine leihweise Präsentation der Exponate möglich ist. Bei den Ausstellungsgegenständen handelt es sich vor allem um Fotos und letzte Briefe der Kinder, die sie auf die Gleise der Deutschen Reichsbahn warfen. Wegen der Kosten für die inhaltliche Aktualisierung und den Transport der Ausstellung ist eine Ausweitung des bundesweiten Umlaufs gegenwärtig unmöglich. Die Initiativen hoffen, dass die reduzierte Ausstellungsversion die eigentliche Bahnhofsausstellung flankieren und überall dort zu sehen sein wird, wo die Bahnhofsausstellung nicht aufgebaut werden kann.Vorbereitet
Ob es zur Erinnerung an die elftausend Kinder und alle anderen Bahndeportierten durch einvernehmliche Absprachen mit der Bahn AG kommt, ist weiter ungewiss.[3] Entsprechende Bemühungen des Bundesministers für Verkehr gingen bisher ins Leere. “Wir sind darauf vorbereitet, den Erinnerungsboykott zu durchbrechen und die Kinder im November zu ehren”, heißt es bei den bundesweiten Initiativen auf Anfrage dieser Redaktion.Bitte lesen Sie eine Auswahl der Namen und deutschen Herkunftsorte von Kindern, die von der Reichsbahn in die Vernichtungslager deportiert wurden.
Lesen Sie auch unser EXTRA-Dossier Elftausend Kinder.
[1] s. dazu Dritter Klasse und Konzernspitze der Bahn AG: Unversöhnlich
[2] s. dazu Einstimmig angenommen und Interview mit Dr. Georg Girardet
[3] s. dazu Notfalls erzwingen
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