Brief an einen Freund

25 December 2007 at 22:31 | In Gedanken |

lieber L.

mit interesse habe ich deine mail gelesen. ehrlich gesagt faellt es mir etwas schwer darauf eine antwort zu finden. wie soll ich es sagen ? ich habe das gefuehl das wir auf zwei verschiedenen planeten, nein, in zwei verschiedenen welten, oder sagen wir: verschiedenen wertesystemen leben.

dein wertesystem ist ein rein materielles, aber auch von bitterkeit und dem gefuehl zu-kurz-zu-kommen gepraegt. du hast das gefuehl alle leute wollen dir boeses, alle nuetzen dich aus, es gibt nichts schoenes, nichts positives. du bringst es selbst auf den punkt: “hass”. auf die (mit)geschoepfe. so etwas wie g”tt existiert fuer dich nicht.

ich weiss das meine antwort dich nicht ueberzeugen, vermutlich nicht erreichen wird in deinem selbstgewaehlten exil.

aber ich wohne in einer anderen welt. natuerlich ist auch diese welt nicht frei von niedergeschlagenheit, trauer, wut, einsamkeit.

auf der anderen seite darf ich aber auch liebe, zuneigung, licht erleben. nicht zuletzt darf ich auf die liebe g”ttes bauen, eine welt voller licht.

ich weiss das g”tt mich begleitet auf allen meinen wegen. ich weiss da er da ist in dunklen und in hellen stunden.

ich weiss das ich vor ihn treten kann im gebet.

nicht zuletzt - das ist mir wichtig - hat mir die erkenntnis das g”tt da ist auf unseren wegen geholfen manchen falschen weg zu verlassen und wieder auf den richtigen weg zu finden.

um-kehren. dieses wort hat fuer mich eine ganz neue bedeutung gewonnen. wir koennen jeden tag umkehren, uns von dingen die nicht gut fuer uns sind loesen. wir muessen einen falschen weg nicht bis ins verderben gehen.

fuer all das bin ich dankbar, ein gefuehl das ich in meiner materiellen, saekularen welt (die auch eine welt abseits der mitgeschoepfe war) nicht kannte.

dankbarkeit - ein wichtiger teil der gebete, des kiddusch am schabbat. g”tt zu danken fuer das geschenk des schabbat, des kiddusch, das geschenk seiner guete, aber auch fuer die menschen die einem wichtig sind.

besonders dankbar bin ich das ER mich mit solchen eltern gesegnet hat. zu ihnen kann ich immer kommen, das war frueher so, das ist heute so. ein zentrales gebot im judentum (und nicht nur dort) ist nicht zuletzt der respekt vor den eltern. das hindert nicht daran seinen eigenen weg zu gehen, beides bedingt einander und ist kein widerspruch.

ist ein leben das nur von licht gefuellt ist wirklich erstrebenswert ? das frage ich mich natuerlich auch in dunklen stunden obwohl ich die antwort kenne: ohne dunkle stunden keine hellen stunden, beides bedingt einander.

ein rabbiner hat noch eine andere auslegung: ” g”tt will das die menschen nicht hochmuetig werden.” diese gefahr besteht wenn es einem zu gut geht, man vergisst die tatsache zu wuerdigen. um dies nicht zu vergessen geht es menschen manchmal auch schlecht. eine einleuchtende auslegung.

verstehst du das ? vermutlich nicht, ich weiss. du haelst mich fuer verrueckt. es ist auch in ordnung. schade finde ich das du das licht nicht mehr sehen kannst, die liebe zu den menschen und allen geschoepfen in g”ttes grossem plan verloren hast.

ich verstehe dich. manchmal habe ich auch so gefuehlt. ich weiss nicht ob es zufall oder versehung war das ich menschen begegnete die mir immer wieder gezeigt haben: dort ist dunkel, aber hier ist licht. heute sehe ich das licht auch in der dunkelheit.

ist es zufall das sich meine wege mit dem des rabbiners gekreuzt haben ? oder ist alles vorherbestimmt gewesen wie es mir ein befreundeter rabbiner in jerusalem gesagt hat ?

ich weiss es nicht, es ist auch nicht sehr wichtig. wichtig ist das ich diesen weg mit hilfe g”ttes gefunden habe, mit hilfe von wunderbaren menschen. dafuer bin ich dankbar. kennst du das gefuehl noch ?

gibt es nicht etwas wofuer du dankbar sein kannst ? fuer das dach ueber den kopf, fuer das geschenk taeglich essen zu duerfen, das geschenk in freiheit zu sein, das geschenk umkehren zu duerfen, das geschenk ein teil in g”ttes grossem plan zu sein ?

ich weiss das es vermessen klingt. aber ich bin der festen ueberzeugung g”tt nimmt sich der menschen an, auf allen wegen, im leben wie im tod. wovor sollte ich angst haben ?

und doch: manchmal verlaesst mich die gewissheit, manchmal kommt trostlosigkeit hervorgekrochen, das gefuehl alleine zu sein. dann schlage ich die thora auf und lese das kapitel “lech lecha”. g”tt zeigt den weg. um es in der tradition des christentums zu formulieren: g”tt ist mein hirte”. “

“der ewige hatte aber zu awram gesprochen: “zieh hinweg aus deinem land, von deinem geburtsort und von deines vaters hause in das land das ich dir zeigen werde”. so beginnt die parascha “lech lecha”. es geht letztlich (so ist meine auslegung) um vertrauen. darum g”tt vertrauen zu duerfen. welch ein geschenk.

ich durfte in den letzten jahren (speziell seit beginn des gijur) die erfahrung machen das ich mein leben in g”ttes hand legen darf, das ich “in das land gehen darf” das er mir zeigen wird. ich weiss noch nicht genau wohin der weg fuehrt. aber das ist auch nicht wichtig. der weg - das ist (auch) mein leben.

wenn ich von diesem moment an zurueckblicke laesst sich mein lebensweg in einem wort zusammenfassen: “dankbarkeit”.

wie gesagt, lieber k., wir leben wohl leider in verschiedenen wertesystemen. ich wuerde dir gerne helfen, aber ich befuerchte das dich meine worte nicht erreichen werden. wenn doch - denke darueber nach.

herzliche gruesse,

X

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