Eine Kultur des Hinsehens

6 Juli 2008 at 18:54 | In Alltaegliches | 5 Comments

ich weiss nicht wie es euch geht. aber ich habe das gefuehl immer haeufiger von faellen zu lesen in denen menschen viele monate tot in ihrer wohnung lagen, in denen menschen am hellichten tag ueberfallen, geschlagen werden. alle schauen weg. eine kultur des wegsehens.

in israel ist das anders.

nein, es ertoent keine lobeshymne. auch israel hat schlechte seiten. auch dort gibt es dinge die mich stoeren. aber dieses kleine land, die menschen, haben auch viele vorzuege.

eine dieser vorzuege ist das man sich auf israelis blind verlassen kann. das habe ich mehr als einmal festgestellt als ich auf hilfe angewiesen war. du kannst jeden fragen. er wird sein bestes geben um dir zu helfen. egal ob auf dem land oder in der stadt, im bus oder im zug.

es herrscht in israel eine kultur des hinsehens. jeder fuehlt sich fuer den anderen verantwortlich.

lila hat es hier in schoenen worten beschrieben.

Und was das Gefühl der Sicherheit angeht: ich fühle mich unter Israelis absolut sicher und gut aufgehoben. Egal was ist, auf Israelis ist Verlaß. Hier kann man nicht mal einem Kind den Sonnenhut verkehrt rum aufsetzen, ohne daß einen jede Oma drauf hinweist, und wenn jemand Hilfe braucht, sind sofort Leute da. Einer fühlt sich für den anderen aktiv verwantwortlich. Das gibt ein wunderbares Gefühl der Sicherheit.

Man kann sich an jeden Passanten um Hilfe wenden, wenn man sie braucht. Die Kultur des Wegguckens gibt es hier nicht, statt dessen gibt es die Kultur der Eyzesgeber (eytzes, Jiddisch: Ratschlag, vom Hebr. eytzah).

das kann ich nur bestaetigen. die kultur des hinsehens fuehrt zu einem gefuehl der sicherheit.

bei keinem besuch in israel habe ich mich jemals unsicher gefuehlt. ich hatte nie angst. weder in zeiten der intifada, noch in zeiten der taeglichen bombenanschlaege. diese zeiten sind vorbei, g”tt sei dank.

dieses gefuehl der sicherheit hat viel mit glauben zu tun. ich bin davon ueberzeugt das haschem meine wege fuehrt, das alles vorbestimmt ist. das ist keine entschuldigung fuer apathie und teilnahmslosigkeit. sehr wohl aber bedeutet diese “vorbestimmung” das ich mich darauf besinne wo mein platz ist. ich bin nicht der zentrum der welt. nicht mal die mitte meiner kleinen welt. das zentrum, die mitte ist haschem.

aber nicht nur glaube, auch dieses wissen um die kultur des hinsehens ist es die mich waerme und sicherheit fuehlen laesst.

natuerlich kann diese kultur des hinsehens nicht alle anschlaege verhindern. aber dieses wissen der verantwortung fuer den anderen hilft anders mit der bedrohung umzugehen. es ist schwer zu beschreiben.

israelische soldaten wissen das sie nicht auf dem schlachtfeld liegengelassen werden, egal ob verletzt oder tot. die soldaten und ihre angehoerigen wissen das er staat israel alles, aber auch alles, versuchen werden um die soldaten lebend oder tot ins land zurueck zu bringen. dasa haben wir bei goldwasser und regev gerade erlebt, das werden wir leider weiterhin bei gilad shalit erleben. auch ron arad und die anderen werden nicht vergessen. der staat israel geht in dieser frage oft ueber die grenze des vertretbaren hinaus. jeder einzelnne mensch zaehlt. auch das ist ein aspekt der kultur des hinsehens.

in deutschland ist das leider anders. apathie, boesartigkeit und laschon ha ra (die boese zunge) beherrschen viel zu oft das bild.

sicherlich. das alles gibt es in israel auf.

wenn es aber “hart auf hart” kommt, wenn der mensch hilfe braucht, sind die israelis da.

ich schrieb es schon: ich habe diese hilfe mehr als einmal erlebt.

ich durfte mehr als einmal erleben das meine freundInnen dort himmel und hoelle in bewegung gesetzt haben um etwas moeglich zu machen das nicht fuer moeglich gehalten wurde.

freundschaft, solidaritaet, zeigt sich nicht an sonnigen tagen. freundschaft und solidaritaet zeigt sich wenn die welt unterzugehen scheint, wenn es nicht mehr weiter zu gehen scheint.

gerade in solchen situationen kann man taetige hilfe von israelis erfahren.

ich wuerde mich in deutschland wohler fuehlen wenn nur ein kleines bisschen dieser kultur des hinschauens hier ankommen wuerde.

5 Kommentare »

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  1. Israel ist ein vor allem rauhes Land, wo die Leute nicht so zimperlich wie miteinander umgehen wie in Deutschland, wo es viel Kriminalität und auch soziale Konflikte gibt und wo sich nicht jeder an jedem Ort immer wohl und sicher fühlt. Es ist ein gravierender Unterschied, ob man ein Land als Tourist kennenlernt oder ob man dort lebt, ob man die Landessprache spricht oder nicht, ob schon man mal mit den Behörden, mit dem Militär, den Banken und der Polizei zu tun gehabt hat oder ob man sich auf Herumreisen, Hotels, Einkaufen und Freunde treffen beschränkt. Der Punkt ist einfach der, dass man als Tourist anders behandelt wird, dass man keinen richtigen Einblick in den Alltag bekommt und dass man dann auch keine ultimativen Schlussfolgerungen über die dort herrschende Mentalität ziehen kann.

  2. anna, ich glaube das trifft den punkt nicht. warum kommt lila (die ueber 20 jahre in israel lebt) sonst zum gleichen ergebnis wie ich ? manchmal habe ich das gefuehl du glaubst dich verteidigen zu muessen weil du in deutschland lebst. das faende ich wiederum schade. das ich deutschland nicht so positiv sehe wie du ist eine andere sache.

  3. Was Lila schreibt, ist schon richtig. Was du daraus in deinem eigenen Beitrag machst, ist aber übertrieben. Ich wollte dir einen kritischen Denkanstoß geben, nicht in die Touristen-Falle zu tappen. Ich kenne genug Leute, die euphorisch Aliyah gemacht haben und nach einem halben Jahr kleinlaut zurückgekommen sind. Denn wie gesagt: Touristen werden in Israel anders behandelt als Einheimische, diese Erfahrung hast du halt noch nicht gemacht (was ja auch nicht weiter schlimm ist).

    Wo habe ich eigentlich etwas über mein Verhältnis zu Deutschland geschrieben?

  4. Ich kann Anna nur Recht geben, so einfach ist es in Israel sicher nicht. An den etwas rauen Umgangston, den die Israelis miteinander pflegen, die anstrengenden Behördengänge und vieles mehr, ist sehr gewöhnungsbedürftig und es ist für Westeuropäer nicht einfach damit klarzukommen. Die israelische Mentalität (komm ich heut nicht komm ich morgen) ist völlig anders als hier und das sich Israelis als Brüder und Schwestern verstehen, wird auch etwas heftiger miteinander umgegangen. Darüber muss man sich klar sein, eine “Höflichkeit” wie wir sie gewohnt sind (Ausnahmen bestätigen die Regel) wird man dort nicht so finden. Man braucht nur Kishon zu lesen, der sich mit dem israelischen Alltag so wunderbar auseinandersetzte, aber hinter dem auch viele Wahrheiten stehen, belegt das auf eine amüsante sarkastische Seite.
    Ich war mehrere Monate in Israel und habe es teilweise schon so erlebt, man darf sich nur bitte keinen Illusionen hingeben. Ich war sehr gern dort, aber daran muss man sich gewöhnen, es hat ja auch seine Vorteile.

  5. Es gibt in jedem Land der Welt gut u. schlechte Menschen, hilfsbereite u. grummelige Menschen. Es gibt positive u. negative Dinge.

    Lebe auch schon 13 Jahre in England u. das ist meine Erkenntnis daraus.

    Schwarz u. weiß gemischt ist grau!


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