Der Papst in Israel

ein schwieriges thema. ich hatte mir eigentlich vorgenommen nichts zum thema zu schreiben. was soll der grenzgaenger noch zu dieser diskussion, die einem minenfeld gleicht, beitragen ? es ist ein beitrag von lila der mich letztlich motiviert meine stellungnahme abzugeben.

zunaechst einmal finde ich es schade das die diskussion nicht mehr in ruhigen bahnen verlaeuft. eigentlich verlief die diskussion von anfang an nicht in ruhigen bahnen.

ich denke es ist sinnvoll die privatperson papst mit der ganz eigenen (und leider sehr typischen geschichte eines gewoehnlichen deutschen zur ns zeit) von der amtsperson zu trennen. ich weiss das dieser satz bei manchen meiner leserInnen fuer empoerung sorgen wird. ich will aber ehrlich sein und nicht urteilen. der grund ist sehr einfach. ich weiss nicht wie ich in der ns zeit gehandelt haette. waere ich auf der richtigen seite gewesen ? haette ich den mut gehabt widerstand zu leisten ? waere ich mutig genug gewesen ins gefaengnis oder an den strang zu gehen ? ich weiss es nicht. ich weiss nicht wie ich gehandelt haette. menschen die sagen sie haetten selbstverstaendlich auf der seite oder ns opfer gestanden machen mich nachdenklich. woher wissen diese menschen so genau wo sie gestanden haetten ? ist es nicht zu einfach in unserer zeit solche gewissheiten fuer sich zu pachten ? gerade mein eigenes nicht wissen, meine eigene unsicherheit, macht mich nachdenklich. letztlich hat der papst seine rolle in der ns zeit, mit allem was wir heute sehr richtig als fehler sehen, mit g“tt auszumachen. ich werde mich nicht in die reihe derjenigen stellen die den papst deswegen verurteilen.

die rede des papstes in yad vashem. auch ich haette mir klarere worte gewuenscht. fuer den menschen wie rabbiner lau muss die rede wie eine provokation geklungen haben. rabbiner lau hat im holocaust seine familie verloren. ein paar deutlichere worte des papstes – auch zur rolle der katholischen kirche in der ns zeit – waeren angebracht gewesen. der papst hat diese worte nicht gesagt.

auch hat der papst es versaeumt deutliche worte der distanzierung von der pius bruderschaft zu finden. durch diese „nicht stellungnahme“ macht sich der papst bewusst oder unbewusst zum werkzeug der holocaust leugner in seiner amtskirche.

was ist der sinn dieser reise ? ist der sinn den christen in israel mut zu machen ? warum hat der papst keine klaren worte ueber die vertreibung der christen aus den arabischen laendern (incl. palaestinensische autonomiegebiete) gefunden ?

ist der sinn dieser papstreise den tiefen riss zwischen christen und juden zu kitten (der nicht zuletzt durch die untaetigkeit eben dieses papstes im falle der piusbruederschaft entstand ?). sollte dieser gedanke existiert haben war die reise von anfang an zum scheitern verurteilt. diesen stein kann dieser papst nicht mehr bewegen. dazu hat er sich zu sehr in den strukturen der amtskirche verfangen. vermutlich ist der papst auch nicht die persoenlichkeit um grosse und schwere steine zu bewegen.

letztlich scheint mit der riss zwischen juden und christen so tief zu sein das es kaum mehr moeglich ist diesen riss zu ueberbruecken. ich selbst nehme an interkonfessionellen workshops schon lange nicht mehr teil. ich sehe weder den sinn noch den ertrag solcher veranstaltungen.

trotzdem werde ich mich nicht in den chor der spoetter und beschimpfer einreihen. ich wuensche dem papst eine gute reise durch israel. der papst sagt er ist (auch) als pilger ins heilige land gekommen. natuerlich soll er unbeschwert pilgern und dabei seelische kraft tanken koennen.

vielleicht waere viel damit getan das medieninteresse abzuschwaechen und den papst friedlich seines weges gehen zu lassen. den papst als pilger das land israel, seine vision des heiligen landes, erkunden zu lassen. seine vision und sein pilgern hat nichts mit dem zu tun was ich in israel empfinde und was ich denke. das soll aber nicht das problem des papstes sein.

mir kommt ein bild in den sinn das frieden und ruhe ausstrahlt. das bild zeigt nicht den gegenwaertigen papst. es zeigt seinen vorgaenger.

09

4 Antworten

  1. Ich bin als Katholikin aufgewachsen. Man merkt sich am tiefsten, was man früh gelernt hat. Und früh ging es unter anderem um die Frage von Ungerechtigkeit und Leid (auch schuldlosem).

    Beim Leidenden hat ein schuldhaft verursachtes Leid einen Teil mit dem schuldlosen Leid gemeinsam – etwas tut einfach weh. Etwas ist für immer fort. Es ist etwas zerstört. Darum ging es meiner Empfindung nach im Gottesdienst wenn für die Armen, die Kranken, die Verstorbenen gebetet wurde.

    „auch ich haette mir klarere worte gewuenscht. fuer den menschen wie rabbiner lau muss die rede wie eine provokation geklungen haben.“ – dieser fehlende Teil der Rede, das DASS dieser Teil fehlt, knüpft für mich genau an diesem Aspekt des Betens für die Leidenden an. Diese Rede ist eine Gedenkrede für die Opfer gewesen. Natürlich ist eine Rede für die Toten immer nur eine Rede vor den Lebenden.

    Doch was wird in hundert Jahren passiert sein? Niemand mehr wird direkt unter dem Holocaust der Nazizeit leiden, niemandens Eltern werden davor geflohen sein. Und dennoch wollen wir es nicht vergessen haben: Nicht, daß so etwas geschehen ist und nicht die Namen der Opfer. Es wird niemandem mehr wichtig sein, wer die Täter waren – die Täter werden alle verstorben und vergessen sein. Die Opfer sollen nicht vergessen sein. Ihre Namen sollen fortleben.

    Ich sehe es so, daß in dieser Rede vor Lebenden für alle Menschen Wesentliches Gesprochen wurde und nicht etwas, was einigen vielleicht Linderung verschafft hätte.

    „was ist der sinn dieser reise ? ist der sinn den christen in israel mut zu machen ? warum hat der papst keine klaren worte ueber die vertreibung der christen aus den arabischen laendern (incl. palaestinensische autonomiegebiete) gefunden ?“
    weil „mein Reich ist nicht von dieser Welt?“ – soll heißen, das erste Ziel der katholischen Kirche ist nicht eine gerechte und friedliche Welt. Es ist: daß alle Menschen mit Gott vereint sind. Und wenn ich mal kurz überfliege, was die Betreiber (jeder Weltanschauung) einer gerechten Welt so alles an Greueln in Kauf genommen haben, um die Gerechtigkeit zu installieren, halte ich das für eine positive Entwicklung, die die katholische Kirche genommen hat. Sie tritt für Gerechtigkeit und Frieden ein, ohne Schuldige zu benennen.

    „Ist der sinn dieser papstreise den tiefen riss zwischen christen und juden zu kitten (der nicht zuletzt durch die untaetigkeit eben dieses papstes im falle der piusbruederschaft entstand ?).“
    Dieser Papst ist hochintelligent. Man kann trotzdem tiefgläubig sein. Es kann kein allgemeiner Riss zwischen Christen und Juden sein, wenn der Papst in „Yad Vashem“ sprechen darf, was nicht einmal der US Präsident darf. Vielleicht propagiert auch in Israel die Presse laut eine Meinung, die gar nicht allgemein verbreitet ist.

    „ich weiss nicht wie ich in der ns zeit gehandelot haette.“. Alle wissen das doch. – „waere ich auf der richtigen seite gewesen ?“ Dazu haben wir heute auch Gelegenheit. Nur daß auf jeder Seite ein blinkendes Schild installiert ist „Hier ist die richtige Seite“.

  2. Da hast du recht, der alte papst hatte wenigstens emotionen.
    auch ich will mir nicht anmassen, zu ver-urteilen, was er DAMALS getan hat, aber es geht auch und sogar mehr, um das, was er HEUTE denkt. Daher hat mir auch etwas gefehlt, was vielen gefehlt hat. die klare distanzierung und das bedauern, ueber das, was die KIRCHE den juden angetan hat.
    Noa

  3. Vielleicht war die Zeit einfach noch nicht reif für einen Papst aus Deutschland – jedenfalls nicht für einen dieses Alters. Er müsste 25 Jahre jünger sein … aus eben den historischen Gründen, die das Verhältnis zwischen Juden und Christen zusätzlich erschweren.Im „Heiligen Land“ kann ein alter deutscher Papst eigentlich nichts wirklich richtig machen. Die Christen im Land erwarten von ihm ein deutliches Zeichen der Solidarität mit ihnen, den Christen, schließlich ist er DAS Oberhaupt der größten christlichen Kirche.

    Die Christen im Land sind aber in aller Regel Araber, sieht man von einigen wenigen „Sonstigen“ ab. Die Solidarität eines deutschen Papstes mit christlichen Arabern (heutzutage Palästinenser genannt) ruft jedoch das Misstrauen der muslimischen Araber -man erinnert sich an die Regensburger Rede – hervor, der Papst muss also seiner Solidarität mit den christlichen Brüdern und Schwestern äußerst behutsam Ausdruck verleihen, um deren ohnehin schwierigen Stand nicht noch weiter zu verschlechtern, und gleichzeitig wird er von etlichen jüdischen Verbänden argwöhnisch betrachtet – die Pius-Brüder grüßen von ferne und Solidarität mit christlichen Arabern ist auch nicht ganz unverdächtig …
    nein, in Israel kann ein „deutscher“ Papst eigentlich nur Fehler machen…

    Dabei ist dieser Papst theologisch – soweit ich es mit meinem Laienverstand überhaupt bewerten kann – sehr viel kompetenter, klarer und eindeutiger als sein Vorgänger.
    Ich finde, dass es nur wenige Theologen seiner Klasse gibt, die ein so klares Christusbekenntnis differenziert und fundiert vertreten können und das auch tun! Benedetto redet aus einem tiefen Erkennen und Begreifen jesuanischen Glaubens und Handels. Eindrucksvoll und bewundernswert.
    Verzeih, lieber grenzgaenger, wenn ich das in deinem Blog so schreibe!

  4. [...] Der grenzgaenger bringt leise Kritik an. [...]

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