Die Thora ist für mich mit einem modernen Begriff verbunden: Basisdemokratie. Warum Basisdemokratie? Wie bei einer Bewegung von unten sind alle Menschen aufgefordert, sich am Lernen zu beteiligen. Thora lernen sollen, und können, alle Menschen. Egal wo auf diesem Planeten die Menschen leben, egal ob diese Menschen regelmäßig ein Lehrhaus aufsuchen, egal wie viel oder wie wenig Gelegenheit diese Menschen bisher hatten zu lernen. Egal übrigens auch ob der Mensch jüdisch oder nichtjüdisch ist.
Die Thora ist das Wort G”ttes. Das Volk Israel hat die Thora am Berg Sinai empfangen. Die Thora ist sozusagen ein Geschenk G”ttes an sein Volk. Mit diesem Geschenk geht das Volk Israel, auch jeder, der sich diesem Volk anschließt, aber auch Verpflichtungen ein. Gebote und Verbote sind in der Thora aufgeführt. 613 um genau zu sein.
Es ist nun so, das wir nicht mehr alle 613 Gebote halten können. Das liegt nicht an uns. Das liegt einfach daran, dass einige Gebote mit dem Tempel verbunden sind. Den Tempel gibt es nicht mehr. Möge der dritte Tempel bald und in unseren Tagen erbaut werden. Doch es ist auch schwierig, die übrigen Gebote einzuhalten. Das Judentum, wenn es denn bewusst gelebt wird, hält in jeden Winkel des Alltages Einzug.
Das fängt beim Aufstehen an und hört bei den täglichen drei Gebeten noch noch lange nicht auf. Das fängt in den Werktagen an und hört beim Schabbat noch lange nicht auf. Ein wirklich gelebtes jüdisches Leben bedeutet auch ein bewussteres Leben. Weil auch Alltäglichkeiten auf den Prüfstand kommen.
Ein Wegweiser ist der Schulchan Aruch . Es bleiben immer noch genügend Fragen für den Rabbiner übrig.
Aber auch die Gebote sind Basisdemokratie. Durch die Gebote soll das Volk gestärkt werden. Die Erfüllung und Befolgung der Gebote hat das Volk Israel letztlich zusammengehalten. Auch als es keinen eigenen Staat gab. In einer Phase der Geschichte Israels die über 2000 Jahre gedauert hat. Heute sind die Gebote ein Stück weit Bindeglied zwischen den juedischen Menschen in Israel und in der Diaspora.
Sicherlich. Es gibt das Joch der Gebote. Aber für mich haben die Gebote auch einen süßen Duft. Es hört sich vielleicht merkwürdig an. Aber warum bemühen wir uns, die Gebote so gut wie möglich zu halten? Braucht G”tt unsere Gebote ? Nein. G”tt braucht weder unsere Gebote noch unsere Gebete.
Ich habe bei meinem Rabbiner gelernt, das es darum geht, mit den Geboten ein Stück weit die alltägliche Materie zu verlassen und sich auf den Weg zu machen ein Stück gerechter, wenn man so sagen soll, heiliger zu werden. Gebote sind eine Brücke. Eine Brücke zu G”tt. das heißt: Wir halten die Gebote in erster Linie ein, weil es gut für uns ist. Gut vor allem für unsere Seele. Im Falle von Kaschrut auch gut für unseren Körper.
Es hat keinen Sinn, ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man dieses oder jenes Gebot, nicht einhält. Es geht nicht darum, mit sich zu hadern, weil man sich für zu schwach und zu nachgiebig hält. Letztlich sind wir alle nur Menschen mit all unseren Schwächen und Stärken. Wichtig ist es, seine Menschlichkeit und den Respekt, vor den Menschen zu bewahren und zu leben.
Das hat nichts mit Beliebigkeit und falscher Toleranz zu tun. Auch Kritik, gerade Selbstkritik, ist wichtig. Aber was am Ende zählt, ist die Menschlichkeit Das ist für mich die Summe der Thora. Das ist für mich die Summe der Gebote.