Heute vor einem Jahr hat die Depression den langjährigen Nationaltorhüter Robert Enke besiegt. Robert Enke hat sich von einem Zug überrollen lassen. Er hat seinem Leiden ein Ende gesetzt. Die Bestürzung war gross. Aber hat sich in diesem Jahr wirklich etwas geändert in der Akzeptanz und im Umgang mit der Depression?
Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher. Ich habe, das ist auch eine Erfahrung aus Veranstaltungen und Vorträgen, das Gefühl Depressionen werden noch immer verdrängt. Vielleicht sind Depressionen immer noch ein Tabu in unsere Spassgesellschaft. Depressionen sind eben nicht lustig. Viel zu oft wird durch das Thema Depression ein anderes Tabu berührt: der Tod.
Ich erinnere mich noch gut an die Pressekonferenz. Einen Tag nach dem Tod von Robert Enke trat die tapfere Witwe, Teresa Enke, vor die Presse und sprach über die Depression ihres Mannes und die Folgen. Welches Leid diese tapfere Frau durchgemacht hat: Erst verloren Teresa und Robert ihre kleine Tochter. Dann verlor Teresa auch ihren Mann. Wie kann ein Mensch das alles ertragen?
Depressionen betreffen nie nur eine Person. Den erkrankten Menschen selbst. Depressionen sind ein so tief gehendes, traumatisches Ereignis, das die Familie, der Freundeskreis, die berufliche Existenz, mit in den Abgrund gerissen werden. Diese Tatsache zeigt sich auch wenn keine, durch die Depression erzeugte, Suchterfahrung im Spiel ist. Die Angehörigen eines depressiven Menschen brauchen genauso eine Unterstützung wie der Erkrankte selbst.
Robert Enkes Tod war ein Medienereignis. Robert Enkes Tod wurde so vermarktet, wie der lebende Robert Enke vermarktet wurde. Eine nachhaltige Wende in Richtung Akzeptanz und Offenheit im Umgang mit der Depression gibt es bis heute nicht. Auch nicht im sportlichen Bereich.
Sicherlich. Es gibt Hilfe. Akutstationen und Psychiatrien in den Krankenhäusern. Es gibt engagierte Psychiater und Therapeuten. Es gibt auch Selbsthilfegruppen und, nicht zuletzt, Trauergruppen in vielen Gemeinden. Es gibt nicht zuletzt die Möglichkeit der Seelsorge.
In einer schweren Depression, das weiss ich aus Erfahrung, kann der Betroffene nicht von selbst Hilfe annehmen. Dazu ist er viel zu schwach und unstrukturiert. In dieser Phase geht es einfach nur noch darum den Zustand so zu stabilisieren, dass er auf einem möglichst erträglichen Niveau bleibt.
Mit der Zeit, mit etwas Abstand, mit neuer Kraft, kann der Betroffene versuchen, Hilfsangebote zu prüfen, und vielleicht auch anzunehmen.
Angehörige sollten nicht so lange Warten. Es gibt das Kompetenznetz Depression mit vielen engagierten Menschen. Dort ist man mit Fragen, aber auch mit Nöten und Zweifeln, gut aufgehoben. Das Kompetenznetz Depression kennt auch die Adressen von Angehörigen Gruppen.
Vielleicht gibt es in der Stadt auch Selbsthilfegruppen für Betroffene. Fragen lohnt sich immer. Es ist, ob für Betroffene oder Angehörige, wichtig nicht alleine zu sein.
Robert Enkes Tod, genau heute vor einem Jahr, hat die Krankheit Depression nicht aus der Tabuecke herausholen können. Die Trauer war schnell wieder verschwunden, das Medienecho verschwand, es wurde zur Tagesordnung übergegangen.
Teresa Enke hat sich mit dieser Situation aber nicht abgefunden. Unaufhörlich kämpft Teresa Enke gegen die Schmerzen, die Tränen, die Wut an und spricht über ihr Leben mit Robert Enke und über seinen Tod. Es gibt auch eine Robert Enke Stiftung an der Teresa Enke massgeblich beteiligt ist.
Was bleibt mir, als Betroffener, zu tun? Ich kann nur, immer und immer wieder, über meine eigenen Erfahrungen mit der Depression und über meinen Weg hinaus ins Licht erzählen. Ich kann versuchen für andere Betroffene und Angehörige da zu sein. Ich habe zwei Selbsthilfegruppen gegründet. Das alles kann ich, mit grosser Hilfe der Kooperationspartner, tun. Es gibt eine engagierte und offene Kirchengemeinde, die nicht nur Räumlichkeiten zur Verfügung stellt, sondern auch das Menschenmögliche tut, um die Arbeit der Selbsthilfegruppen zu unterstützen. Ich bin so dankbar für diese engagierten Menschen.
Ich hoffe mit meiner Arbeit, ein bisschen dazu beizutragen, die Angst vor der Depression zu nehmen. Ich habe gestern, nach dem Vortrag, gehört ich würde Menschen Mut machen. Ein grösseres Lob kann ich mir nicht wünschen.




@Liebe Noa: Du sprichst das einen sehr wichtigen Punkt an. Natürlich gibt es auch bei der Depression so etwas wie einen “Krankheitsgewinn”. Der Erkrankte hat immer eine Entschuldigung dafür nichts zu tun oder auch keine Hilfe anzunehmen. Das ist für Angehörige, auch für Ärzte, ein Problem. Ich rede jetzt nicht über Sprüche wie “Reisse Dich doch mal zusammen”, sondern von wirklichen Hilfsangeboten wie z.B. sich in eine (klinische) Therapie zu begeben. Ich verstehe Deine Resignation voll und ganz. Auch ich habe, wenn ich versuche Betroffene zur Annahme von Hilfe zu ermutigen, oft das Gefühl nicht durchzudringen.
durch die depression meines vaters weiss ich, wie wenig familie und freunde tun koennen. Es gab einen besten freund meines vaters, aber auch der hat – auch mit grossem engagement und sehr positivem verhalten – nichts ausrichten koennen. Hilfe annehmen konnte und wollte mein vater nicht. Er hat sich das Leben genommen am Ende.
Tabu? Ich weiss nicht, fuer viele ist es Selbstschutz. Wie du sagst, man kann mit in den abgrund gzogen werden.
Es ist sehr schwierig damit richtig umzugehen. und – jede Depression ist wohl anders, denn mein Vater waere niemals in eine dieser Selbsthilfegruppen gegangen. Er ging jahrelang gar nicht mehr aus dem Bett, aus dem Haus… wer haette ihn da rausholen sollen?
Ich bin resigniert, wenn ich an Depressionen denke, denn viele um den Depressiven herum machen grosse Anstrengungen… nur der Depressive macht einfach nichts. (sicher auch weil er es nicht kann… )
Da kann man dann einfach nur einen fuer sich selbst “gesunden” Abstand nehmen.
Noa