Wird nach dem Gijur alles besser ?
28. Februar 2011Ich habe Konvertiten gesehen die glaubten nach dem Übertritt zum Judentum wird alles besser werden. Die persönlichen Lebensumstände, die Sorgen, würden weichen. Ich verstehe diese Hoffnung, und gleichzeitig finde ich es schade zu sehen, wie wenig von diesen Hoffnungen in der Realität eintritt.
Faktisch gesehen ist der Übertritt zum Judentum, ich schrieb es schon, ein Prozess. Wenn man Übertritt sollte man, möglichst und nach dem eigenen Mass, als bewusster Jude leben. Das Mass, davon bin ich überzeugt, sollte nicht der Rabbiner beurteilen. Es geht darum das der Mensch selbst, der Konvertit, mit diesem Mass wirklich zufrieden ist. Zufrieden in seinem Herzen. Mit dieser Zufriedenheit mit sich selbst soll der Mensch dann vor G“tt treten. Der Rabbiner ist nicht G“tt. Er ist letztlich auch nur ein Mensch. Es geht darum, mit ehrlichem Herzen vor G“tt treten zu können. Auch die Gemeinde ist nicht G“tt. Deren Bewertungen und Kommentare sind zweitrangig. Erstrangig ist das ehrliche Bemühen mit reinem Herzen vor G“tt stehen zu können.
Dadurch wird, was irdische Probleme angeht, nichts besser. Dadurch ändert sich nichts an den Schwierigkeiten mit der Familie oder dem Finanzamt. Es geht um eine andere, quasi metaphysische, Ebene. Gerade diese Ebene wiederum kann kein Rabbiner und keine Gemeinde bewerten. Ich finde es schlimm, wenn Menschen glauben, die irdische Ebene unserer Realität, durch den eigenen Übertritt verändern zu können. Schon zu viele Menschen sind an diesem Missverständniss traurig gescheitert und verhärtet. Das ist dann eine sehr tragische Folge einer nicht realisierbaren Erwartung.
Was sich durch den Übertritt, überhaupt durch eine Hinwendung zu einem religiösem Leben, ändern kann ist die Art und Weise wie man mit Problemen umgeht, wie man der hiesigen Sphäre des Alltäglichen begegnet.
Ich kann nicht tiefer fallen als in G“ttes Hand.
Davon bin ich überzeugt. In Traurigkeit, in Krankheit, in Tränen. G“tt wacht und hält seine Hand über die Beladenen und Traurigen.
Rabbi Nachman von Breslav hat das schön formuliert:
Kol HaOlam Kulo, Gescher zar me’od, Gesher zar me’od.
VeHa’ Ikar lo lefached klal.
Die ganze Welt ist eine schmale Brücke und die Hauptsache ist, sich nicht zu fürchten.
Wenn ich Angst habe, singe ich diese Melodie oft leise vor mich hin. Heisst dieser Text nicht auch: Du musst Dich nicht fürchten, auch wenn die Brücke schmal ist? Du musst Dich fürchten, wenn die Brücke wackelt? Denn G“tt hält die Hand über Dich und wird Dich auffangen, wenn die Brücke zerbricht. Davon bin ich fest überzeugt. Diese Gewissheit habe ich erst durch die Hinwendung zum Judentum gewonnen. Das ist für mich ein schöner Lernerfolg. Es verändert sich also tatsächlich etwas mit dem Übertritt zum Judentum. Es verändert sich etwas in mir selbst.
Gijur und der Faktor Zeit
28. Februar 2011Gelegentlich habe ich das Gefühl der Übertritt zum Judentum ist ein sportlicher Wettbewerb. Es gibt Menschen die es unheimlich eilig haben den Übertritt zu schaffen. Und das in Rekordzeit. Ich habe ja Verständnis, wenn eine Heirat bevorsteht oder Nachwuchs auf dem Weg ist. Dann sollte es mit dem Gijur wirklich schnell gehen. Aber wenn das alles nicht gegeben ist – Warum dann diese Eile?
Ich betrachte den Übertritt zum Judentum als einen Lebensprozess. Es geht nicht darum, etwas zu gewinnen oder zu verlieren. Es geht nicht darum, materiell für sich zu sorgen. Dieses Problem sollte, meines Erachtens, schon vor dem Übertritt geregelt sein. Ich halte einen Gijur Prozess dann für sinnvoll, wenn man sich voll darauf konzentrieren kann und nicht durch äussere Umstände gehindert werden kann.
Ich denke der Übertritt zum Judentum ist mit dem Beth Din nicht abgeschlossen. Das Beth Din ist eine, zugegeben wichtige, Station auf dem Weg des Prozesses. Eine Schaltstelle. Aber nicht mehr. Die Rabbiner können zwar Wissen abfragen. Aber sie wissen nicht, wie es in unseren Herzen aussieht. Ich glaube es ist schlimm genug, mit belastetem Herzen überzutreten. Oder nicht aus vollständig freiem Willen. Wenn die Seele aber nicht frei ist und nicht wirklich bereit den Weg des Prozesses anzutreten, dann ist der Übertritt in gewisser Weise nicht ehrlich. Nur um anderen etwas zu beweisen, sollte der Übertritt nicht geschehen. Beweisen auch im Sinne von: „War ich nicht schnell?“ scheint mir der Sache nicht angemessen zu sein. Es geht nicht um die Schnelligkeit eines Übertrittes. Es geht darum wirklich zu verstehen und in jedem Zipfel des Willens zu erleben, was dieser Übertritt bedeutet. Das ist nicht einfach ein Wechsel einer Religion. Gijur bedeutet, sich einer Schicksalsgemeinschaft anzuschliessen. Ein befreundeter Rabbiner, in Nahariya, hat mir einmal gesagt mein Gijur hätte schon seit langer Zeit begonnen. Seitdem ich angefangen habe mich mit Israel zu beschäftigen und zu solidarisieren, hätte ich mich der Schicksalsgemeinschaft angeschlossen. Der israelischen Schicksalsgemeinschaft wie der jüdischen. Und mit jedem Einsatz für Israel, so sagt er, wird die Schicksalsgemeinschaft fester. Auf beiden Seiten.
Nein. Gijur ist kein Prozess, der mit Schnelligkeit zu tun hat. Vielleicht ist Gijur sogar ein zeitloses Unterfangen. Eine Reise, die vorbestimmt ist, eine Reise, deren Ziel alleine G“tt kennt. Deswegen bin ich so gelassen in dieser Zeit. Kein Zeitdruck. G“tt alleine kennt den Weg und das Ziel. Wem sonst sollte ich mich anvertrauen?
Gijur als Minenfeld
28. Februar 2011Irgendwie habe ich das Gefühl, der Gijur (Übertritt zum Judentum) und das Schreiben darüber, gleichen einem Minenfeld. Selbst in der politischen Debatte habe ich selten ein Thema erlebt, das mit so viel (unnötigen) Emotionen vollgepackt ist, wie das Thema „Übertritt zum Judentum“. Ehrlich gesagt finde ich diese Tatsache traurig und am Thema vorbei.
Letztlich geht es beim Übertritt zum Judentum um eine Sache, die in erster Linie, zwischen dem Kandidaten/der Kandidatin und G“tt abläuft. Der Rabbiner, die Gemeinde, andere Konvertiten, spielen nur eine Nebenrolle in diesem Zusammenhang. Deshalb finde ich es übrigens auch bedauerlich das nicht alle Richtungen des Gijur gleichberechtigt anerkannt werden. Auch da haben wir es mit einem Minenfeld zu tun. Vor allem dann, wenn ein Umzug nach Israel, ins Auge gefasst wird.
Ich frage mich schon, warum dieses Thema derartige Minenfelder bietet. Sollten wir nicht froh und dankbar sein, wenn ein Mensch den Weg zu G“tt, den Weg zu den Quellen des Christentums, den Weg zurück zum Volk des Buches, findet? Warum machen wir Menschen, die diesen Weg gefunden haben, das Leben noch zusätzlich schwer?
In Gijur Foren finde ich, gerade in Diskussionen, eine Menge Menge abfällige Bemerkungen über Menschen, die den Weg zu G“tt gefunden haben. In meiner Einheitsgemeinde, gerade übrigens von geborenen und orthodoxen Juden, habe ich solche Bemerkungen noch nie gehört. Besonders von der Rebbezin und dem Rabbiner, aber auch von den Mitbetern, werde ich immer herzlich empfangen und im Gebet ernst genommen. Allerdings mache ich auch nicht den Fehler alles 100 % machen zu müssen. Ich stehe zu meinen Schwächen in der praktischen Umsetzung und im praktischen Leben. Nein, ich halte den Schabbes nicht so streng wie möglich und auch in Fragen des Kaschrut lasse ich manchmal 5 gerade sein.
Ich glaube es geht beim Schabbes und auch beim Kaschrut vielmehr darum seinen eigenen Standort, seinen Weg im Universum der Religion, seinen Standort vor G“tt zu finden. Was nützt es, die Gebote über zu erfüllen, und trotzdem kein gutes Herz zu haben? Bei allen Schwächen darf ich wohl von mir sagen das ich ein offenes Herz für meine Mitbeterinnen und Mitbeter habe. Das finde ich viel, viel, wichtiger als alle möglichen Gebote, so streng wie möglich, einzuhalten. Ich finde es schlimm, wenn Religion zum Zwang wird. Religion, gerade Judentum mit dem Gebot der Simcha (Freude) soll Menschen doch glücklich machen und nicht verhärten. Religion soll Menschen doch zusammenbringen und nicht die Herzen verhärten. Oder sehe ich das falsch?
Nein, ich will mich nicht auf das Minenfeld namens „Gijur Community“ begeben. Deshalb antworte ich auf manche Fragen nicht und lasse Unterstellungen einfach stehen. Ich muss mich nicht in jede dreckige Pfütze werfen.
Mir ist der positive Zugang zur Religion, meine Freude, meine Zufriedenheit, viel wichtiger als der Kampf im Minenfeld. Manchmal, das habe ich gelernt, ist es besser zu schweigen und Vorwürfe einfach so stehen zu lassen.
Letztlich ist es nicht wichtig was manche Menschen, von mir meinen, zu wissen. Die Waage des Gerichtes steht nicht in dieser Welt. Diese Waage steht in einer anderen, besseren, Welt und der Richter ist gutmütig.
Nein, ich bin kein Gerechter. Das wäre vermessen zu denken. Ich weiss, wer ich bin. Ich habe mir viel Schuld aufgeladen und darf nur hoffen, dass die Waage nicht zur schlechten Seite ausschlägt.
Ich darf, im Lichte des Glaubens, mit zunehmender Distanz auf mein Leben schauen, und weiss, im Lichte der Gewissheit das, nach dem irdischen Leben, nichts zu Ende ist. Licht. Das ist es, was ich sehe. Auch wenn es Dunkelheit und Trauer gibt. Das Licht kommt immer wieder und das Licht dominiert. Es ist kein kaltes Licht einer Glühbirne. Sondern das warme Licht von G“ttes Wegen. Ein Vorgeschmack auf das helle Licht des neuen, des ewigen, Jeruschalayim nach dem Kommen des Messias.
Und das Minenfeld? Ich hoffe, dass die Seelen dieses Minenfeld möglichst unverletzt verlassen und den Weg, hin zum Licht und zur Freiheit, finden. Noch in unseren Tagen.
ArtScroll
27. Februar 2011Der Grenzgänger ist ein grosser Fan der ArtScroll Serie. Artscroll ist ein Siddur (Gebetbuch) in der Sprachenkombination Englisch/Hebräisch. Ich freue mich sehr über die schöne Sprache des Artscroll. Aber auch die Aufmachung kommt mir sehr entgegen. Bei Amazon findet ich eine ganze Liste von günstigen ArtScroll Ausgaben. Die meisten Siddurim sind schon gebraucht. Aber das macht gerade die Qualität aus. So wandert der Siddur von Schul zu Schul. Ich finde das einfach nur schön.
Lesestoff 2011
27. Februar 2011An guten Büchern mangelt es ja nie. Es ist, für mich, absolut beruhigend das ich, nie im Leben, alle Bücher lesen kann die ich lesen möchte. Soviel Zeit kann wohl kein Menschenleben bieten.
Meine aktuelle Leseliste sieht so aus:
Über das Buch “Die Verlorenen. Eine Suche nach sechs von sechs Millionen” von Daniel Mendelsohn habe ich ja bereits geschrieben.
Ausserdem stehen noch folgende Bücher (in dieser Reihenfolge) auf meiner Wunschliste:
01) „Das Heer des Rebben – Einblicke in die Chabad-Bewegung“ (Sue Fishkoff)
02) „Berthold Beitz: Die Biographie. Mit einem Vorwort von Helmut Schmidt“ (Joachim Käppner)
04) „I’m not convinced: Der Irakkrieg und die rot-grünen Jahre“ (Joschka Fischer)
05) „Wo samstags immer Sonntag ist: Ein deutscher Student in Israel“ (Markus Flohr)
Dominosteine
27. Februar 2011Ich lese regelmässig die Letters from Rungholt. Das ist ein deutschsprachiges Weblog aus Israel. Mit der Autorin dieses Weblogs verbindet mich eine enge Freundschaft. Ich glaube, liebe Lila, das ich nicht zu viel verrate, wenn ich sage, dass unsere erste „Face-to-Face“ Begegnung am Anfang etwas explosiv war. Aber wie so oft in meinem Leben sind es gerade diese Freundschaften, welche besonders intensiv sind und diese Freundschaften sind es die Zeiten und auch Streit überdauern. Wenn ich so im Blog von Lila lese, kommen mir Bilder und Erinnerungen in den Sinn. Ich sehe uns noch auf dem Aussichtsturm der Universität von Haifa stehen und einen Blick über den Norden Israels, bis über die Grenzen hinweg, geniessen. Ich erinnere mich das „zufällig“ der israelische Schriftsteller Abraham B. Jehoschua einen Vortrag an der Universität hielt, als wir dort oben standen. Erinnerungen, Erinnerungen. Natürlich auch an die Familie von Lila. Niemand ist vergessen.
Regelmässig schreibt Lila über die Quassams. Diese Raketen fallen regelmässig über den israelischen Süden her. In der letzten Woche haben diese Raketen sogar Beer Sheva getroffen. Eine andere gute Freundin in Israel, Ruth, hat darüber geschrieben. Wer Freundinnen und Freunde im Land hat, für den sind solche Berichte keine leere Ansammlung von Buchstaben. Diese Berichte sind mit Leben, mit Erinnerungen, mit Bildern, gefüllt. Ich glaube, wer sich so tief in den „Virus Israel“ eingelassen hat wie der Grenzgänger, wird diesen Virus nicht mehr los. Aber der Grenzgänger will den Virus auch nicht mehr los werden. Viel zu eng ist der Platz des Landes und der Freunde in der Seele des Grenzgängers.
Leider kommt eine solche Sicht in Deutschland nicht unbedingt an. Da wird schon bestritten, dass es überhaupt möglich ist, sich „von aussen“ in Israel zu integrieren. Dass es überhaupt möglich ist, als Deutscher Freunde in Israel zu finden. Das erste, die Integration, kann ich schwer schwer beurteilen. Ich habe das noch nicht versucht. Ich kenne Freunde, die sich sehr gut in Israel einleben. Ich kenne Freunde, bei denen das nicht klappt. Das Leben in Israel ist sicherlich nicht einfach. Der Lebensrhythmus wird von der Krise, von der Bedrohtheit, bestimmt. Das Leben in Israel kann ziemlich unruhig sein. Aber, auf der anderen Seite, kenne ich auch Menschen, die in Israel sehr glücklich geworden sind. Trotz der Situation.
Was in Israel sicherlich ausbleibt, ist das, in Deutschland übliche, Unverständnis und die Missbilligung Israels. Es ist ein einseitiges Unverständnis und eine verlogene Missbilligung. Israel wird für alles und jedes verurteilt. Die Palästinenser hingegen haben Narrenfreiheit. Dieser Zustand ist, nicht zuletzt, ein Ergebnis der Umwälzungen von 1968. Joschka Fischer, immerhin dieser, hat den Fehler erkannt und für sich eine Kehrtwendung vollzogen. Aber er scheint mir ein Einzelfall zu sein. Die Gesellschaft ist in der Verlogenheit und dem Verlust der Werte stecken geblieben. 1968 hat die deutsche Gesellschaft mit dem Verlust von Werten und mit einem pathologischen Pazifismus gestraft.
Israel kann sich eine solche Entwicklung nicht leisten. Pazifismus würde für Israel das Todesurteil bedeuten. Jede Schwächung der israelischen Armee kann lebensgefährlich sein. Die Gegner werden nicht zu Verhandlungen bereit sein. Deren Ziel heisst: „Vernichtung !“. Eine Vernichtung des jüdischen Staates. Das Ende der Fluchtburg für jüdische Menschen.
In Deutschland kann man wohl damit leben. Juden sind nur genehm, wenn sie willige Opfer sind. Sobald Juden es wagen, um ihr Leben zu kämpfen, ihr Land zu verteidigen, sind sie Täter und zu verurteilen. Das ist die Integration des Judentums (nicht nur) in Deutschland.
Ich frage mich, was in Deutschland geschehen würde, wenn es einen täglichen Beschuss mit Quassams geben würde. Würde man einfach nur zusehen? Wäre Deutschland dann noch eine Demokratie? Jede/r soll diese Fragen für sich selbst beantworten. Und über die Konsequenzen nachdenken.
Die Dominosteine kippen. Stein für Stein.
Dokumentation: Helmut Schmidt
26. Februar 2011You Tube hat leider eine Menge Müll zu bieten. Aber es gibt auch sinnvolle und gute Beiträge. Diese Dokumentation über Helmut Schmidt, einen der Politiker, die ich hoch schätze, ist so ein Stück Qualitätsjournalismus. Interessant auch das schon in den 70er Jahren das Thema „Abhängigkeit von Öl“ aktuell war. Seitdem ist leider nicht viel passiert. Deshalb stehen wir heute vom gleichen Problem. Nach meiner Ansicht wird sich so lange kein Umdenken einstellen, bis es wirklich kein Öl mehr gibt. Bis die letzte Resource vernichtet und der letzte Despot gestürzt ist. Ich hoffe das Deutschland dann gut vorbereitet sein wird. Zeit genug zum Nachdenken und Forschen gab es jedenfalls.
Verfasst von grenzgaenge 



