Das Klettern an Wänden (Free Climbing) hat durchaus etwas mit einer Therapie zu tun. Jetzt, wo ich mich aus dem körperlichen Tal der Tränen hocharbeite, habe ich den Weg an eine Kletterwand gefunden.
Warum das? Was hat Klettern mit Therapie zu tun?
1.) Beim Klettern ist absolute Konzentration gefordert. Mich (auf eine Sache) zu konzentrieren will erst einmal wieder gelernt sein. Konzentrationsstörungen und Vergesslichkeit sind eine ganz blöde Begleiterscheinung der Depression. Beim Klettern muss man sich auf den nächsten Tritt konzentrieren. Auf nichts anderes. Äusserste Konzentration. Das wieder zu lernen tut gut.
2) Ein Ziel, das sichtbar ist. Das Ziel. Die Wand. Der oberste Tritt. Ankommen. Zeit spielt keine Rolle. Eine durchdachte Folge von Schritten. Schritte zum Ziel. Oder auch nicht. Ankommen oder abstürzen? Neu anfangen.
3) Vertrauen. Da ist etwas, das hält Dich. Seile. Menschen (Trainer), die auf Dich aufpassen. Du bist zwar alleine in der Kletterwand. Aber da sind Menschen, die passen auf Dich auf. Vertrauen. Eine Herausforderung in der Depression.
4) Vertrauen, ohne nach unten zu sehen. Das ist eine wichtige Lehre für mich. Vertrauen, ohne das Vertraute, den Vertrauten, zu sehen. Nicht runterschauen. Vertrauen. Ohne zu sehen. Vertrauen, durch ein Gefühl.
5) Die Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen. Was kann ich (schon?). Was kann ich (wieder)? Wo ist die Grenze? Wo kann ich nicht mehr? Oder doch?
6) Klettern hat etwas Spielerisches, wenn ich es schaffe, mich darauf einzulassen. Einlassen. Wertschätzen. Dass Eigene ich nicht als wertlos betrachten. Das eigene Ich akzeptieren. Das eigene Ich wertschätzen. Mit den Grenzen.
7) Der Kampf mit meinem inneren Schweinehund. Nein, ich bleibe nicht im Bett liegen. Ich will versuchen, aktiv sein. Ich will versuchen, der Traurigkeit etwas entgegenzusetzen.
8) Ich habe Probleme mit meinen Gefühlen. Oft komme ich an meine Gefühle nicht heran. Ich fühle mich absolut leer. Ich fühle nichts (mehr). Beim Klettern fühle ich. Schweiss. Müdigkeit. Weitermachen wollen. Den Willen, nicht aufzugeben. Die Freude, wieder einen Tritt weiter gekommen zu sein.
Immer weiter.
Verfasst von grenzgaenge 

