Klettern als Therapie

30. Mai 2012

Das Klettern an Wänden (Free Climbing) hat durchaus etwas mit einer Therapie zu tun. Jetzt, wo ich mich aus dem körperlichen Tal der Tränen hocharbeite, habe ich den Weg an eine Kletterwand gefunden.

Warum das? Was hat Klettern mit Therapie zu tun?

1.) Beim Klettern ist absolute Konzentration gefordert. Mich (auf eine Sache) zu konzentrieren will erst einmal wieder gelernt sein. Konzentrationsstörungen und Vergesslichkeit sind eine ganz blöde Begleiterscheinung der Depression. Beim Klettern muss man sich auf den nächsten Tritt konzentrieren. Auf nichts anderes. Äusserste Konzentration. Das wieder zu lernen tut gut.

2) Ein Ziel, das sichtbar ist. Das Ziel. Die Wand. Der oberste Tritt. Ankommen. Zeit spielt keine Rolle. Eine durchdachte Folge von Schritten. Schritte zum Ziel. Oder auch nicht. Ankommen oder abstürzen? Neu anfangen.

3) Vertrauen. Da ist etwas, das hält Dich. Seile. Menschen (Trainer), die auf Dich aufpassen. Du bist zwar alleine in der Kletterwand. Aber da sind Menschen, die passen auf Dich auf. Vertrauen. Eine Herausforderung in der Depression.

4) Vertrauen, ohne nach unten zu sehen. Das ist eine wichtige Lehre für mich. Vertrauen, ohne das Vertraute, den Vertrauten, zu sehen. Nicht runterschauen. Vertrauen. Ohne zu sehen. Vertrauen, durch ein Gefühl.

5) Die Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen. Was kann ich (schon?). Was kann ich (wieder)? Wo ist die Grenze? Wo kann ich nicht mehr? Oder doch?

6) Klettern hat etwas Spielerisches, wenn ich es schaffe, mich darauf einzulassen. Einlassen. Wertschätzen. Dass Eigene ich nicht als wertlos betrachten. Das eigene Ich akzeptieren. Das eigene Ich wertschätzen. Mit den Grenzen.

7) Der Kampf mit meinem inneren Schweinehund. Nein, ich bleibe nicht im Bett liegen. Ich will versuchen, aktiv sein. Ich will versuchen, der Traurigkeit etwas entgegenzusetzen.

8) Ich habe Probleme mit meinen Gefühlen. Oft komme ich an meine Gefühle nicht heran. Ich fühle mich absolut leer. Ich fühle nichts (mehr). Beim Klettern fühle ich. Schweiss. Müdigkeit. Weitermachen wollen. Den Willen, nicht aufzugeben. Die Freude, wieder einen Tritt weiter gekommen zu sein.

Immer weiter.


Filmriss

2. Mai 2012

Meine Zeit ist von einem chronischen „Filmriss“ geprägt. Ich spüre, dass ich viele Dinge vergesse. Dazu gehören auch alltägliche Sachen wie den nächsten Termin, den Weg zum Supermarkt, der Name von Ärzten, die Dosis von Medikamenten. Ich weiss, dass es sich um eine Auswirkung der depressiven Episode handelt. Aber trotzdem ist dieses Vergessen alles andere als angenehm. Da bin ich wirklich froh, vieles in meinem Internet-Adressbuch, aufgeschrieben zu haben. So langsam kann ich mir vorstellen, wie sich Demenz „anfühlt“. Nur weiss ich, dass diese Phase bei mir vorübergehen wird.


Diagnose: Erschöpfungsdepression

30. April 2012

Es ist mal wieder soweit. Schon in den letzten Tagen hat sich abgezeichnet, dass irgendetwas nicht stimmt. Eine unglaubliche Müdigkeit hat mich befallen. Die Diagnose lautet: Erschöpfungsdepression. Alles ist so schwer. Selbst Zähneputzen und Duschen sind riesige Herausforderungen. Jede Stufe, jeder Meter, jede Minute am PC oder mit einem Buch bedeutet Anstrengung. Ich kenne das schon. Und doch ist der Fall ins schwarze Loch immer gleich schlimm. Das schwarze Loch scheint tiefer zu werden. Ich nehme immer noch einige Termine wahr. Aber sehr wenige, ausgewählte. Nicht mehr als einen Termin am Tag. Und selbst das scheint den Körper, bis an seine Grenzen, zu strapazieren. Das sind solche Situationen, in denen ich mir wünschen würde, dass der Moschiach kommt. Jetzt. Sofort. Erlöse mich, Eliyahu. Alles ist wie hinter einer grossen Wand. Ich sehe zwar die Umgebung. Aber die Umgebung erreicht mich nicht mehr. Eingeschlossen im durchsichtigen Käfig. Alles geht an mir vorbei. Und auch mein Traum ist wieder da. Und das schlechte Gewissen und die Vorstellung ein ganz unnützer Mensch zu sein. Alles scheint sinnlos. Daran ändern auch Medikamente nichts. Es war klar, das dieser Zustand wieder eintreten würde. Und doch bin ich jedes Mal überrascht von der Tiefe und Heftigkeit der Erschöpfung. Warum kann das alles kein Ende haben? Wann wird diese dunkle Phase vorbei sein ?


Depression, Episode, Licht

10. April 2012

Die Depression hat mich wieder eingeholt. Lange klappte das ohne Rückfall. Nun ist der Rückfall, besser: die depressive Episode, gekommen. Es ist nicht so, das ich traurig wäre. Es sind einfach körperliche Schmerzen, die mich plagen. Und Beine, die wieder „offen“ sind. Wie immer in solchen Phasen. Das kenne ich schon. Heute Morgen wurden meine Beine verbunden, mit einer dünnen Schicht von Salbe. Diese Salbe verhindert das Entzündungen entstehen und vor allem befreit diese Salbe vom Juckreiz. Bei dieser Gelegenheit habe ich wieder einmal gespürt, in welchen guten Händen ich mich befinde. Das ist wirklich ein Grund zur Dankbarkeit. Ich bin nicht alleine. Es gibt in der Institutsambulanz ein tolles Team von Ärztinnen und Ärzten, die nicht nur nett, sondern auch sehr professionell arbeiten. Ich bin froh, in aller Dunkelheit auch das Licht zu sehen. Wenn das Licht nicht da wäre, dann wäre es wirklich schlecht um mich bestellt. So weiss ich, dass auch diese Episode vorbeigehen wird.


In guten Händen

30. März 2012

Wieder einmal durfte ich spüren, in guten Händen zu sein. Schon gestern kündigte sich, mit aller Macht, eine neue depressive Episode an. Im Hintergrund lauert die Depression ja immer. Aber diesmal wollte die Depression wieder aus dem Hintergrund hervorkommen. Ein Anruf genügte und schon hatte ich, 30 Minuten später, einen Termin bei meinem Psychiater. Der kennt mich schon lange Zeit und behandelt mich, in Ergänzung mit meiner Hausärztin, die mich ebenfalls schon Jahrzehnte kommt, ganz hervorragend. Ich bin wirklich, medizinisch und menschlich, in guten Händen. Nun, was macht der Psychiater: Meine Notfallmedikation verschreiben. Allerdings verbunden mit dem Hinweis, dass ich jederzeit in die Institutsambulanz kommen kann, wenn es schlimmer wird. Ansonsten: ab ins Bett. Ich spüre schon eine gesteigerte Müdigkeit. Die Notfallmedikamente helfen zwar sehr gut. Aber die Tabletten machen auch sehr müde. Das nehme ich gerne in Kauf. Jedenfalls ist das besser, als mit ganz blöden Gedanken durch die Gegend zu laufen. Natürlich sind die Medikamente die beste und endgültige Lösung. Als Notfallhilfe sind Medikamente aber sehr gut geeignet. Ich bin dankbar für diese Hilfe im Notfall.


Hörbücher als Alternative

23. März 2012

Die Erschöpfungsdepression hat wirklich voll zugeschlagen. Ich könnte nur noch schlafen. Selbst lesen, mein grösstes Hobby, wird zum Problem. Da bin ich froh über die Tatsache, dass es inzwischen Hörbücher gibt. Eigentlich bin ich ja kein grosser Freund von Hörbüchern (gewesen). Aber lesen ist, im Moment, einfach zu anstrengend. Da höre ich dann eben zu und lese sozusagen sekundär.


Erschöpft, Müde

22. März 2012

Seit Tagen bin ich erschöpft und müde. Über allem liegt ein Schleier von Müdigkeit. Der Arzt diagnostiziert eine „Erschöpfungsdepression“. Das ist nichts wirklich Neues. Ich hoffe, dass diese Diagnose schnell Vergangenheit ist. Beim letzten Mal dauerte das mehrere Monate. Es ist wirklich blöd, sich zu Dingen zwingen zu müssen, die vorher wie von selbst von der Hand gingen. Aber ich werde damit leben. Auch das geht vorbei. Medizinisch gesehen bin ich in sehr guten Händen. Es wird alles wieder gut werden.


Eine gute Erfahrung

18. März 2012

Ich darf immer wieder die gleiche Erfahrung machen: Wenn es mir wirklich schlecht geht, gibt es immer Menschen, die mich behüten, und trösten. Immer wieder sind diese Menschen einfach da. Ein Lächeln, ein Gespräch. Ich muss mich davor hüten, negativen Menschen einen Platz in meinem Leben Raum zu geben. Negative Menschen muss ich ignorieren. Körperlich und geistig. Das ist meine Erfahrung. Ein Ergebnis der depressiven Episoden. Ich muss mich abgrenzen. Das wird mir immer wieder bewusst. Wenn es mir nicht (oder zu spät) bewusst wird, sind Menschen da die mich wieder aufbauen. Ich versuche immer wieder, etwas von diesem Geschenk zurückzugeben. Ich hoffe das gelingt ein wenig. Ein wenig in meiner Unvollkommenheit.


Positiv Denken trotz Depression

24. Februar 2012

Es ist eine schwierige Aufgabe. Positiv Denken trotz Depression? In einem richtig guten Gespräch, am heutigen Morgen, kam folgende Frage auf: „Wann habe ich beschlossen, depressiv zu werden?“ Die Frage hört sich absurd an. Aber sie trifft den Kern der Sache. Menschen werden nicht bei der Geburt depressiv. Meistens ist der Weg in die Depression weit, aber ziemlich bequem. Depression heisst auch, dass andere Menschen schuldig sein können. Verantwortung abgeben. Das ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht die endgültige Lösung. Gibt es „Schuld“ in dieser Frage? Sind die Bewertungen von falsch und richtig sinnvoll, wenn man über Depression spricht? Kann ich eigentlich ohne Bewertungen über Depression sprechen oder ist das gar nicht möglich? Weil ich betroffen bin? Weil, mit mir, ganz viele andere Menschen betroffen sind? Wie auch immer: Das Gespräch war intensiv und sehr gut. 50 Minuten, die gut getan haben. Außerhalb der Therapie. Außerhalb der Institutionen. Von Mensch zu Mensch. Sie ist eine gute Zuhörerin. Ich spüre regelrecht, wie es in ihrem Kopf „Klick“ macht. Empathie. Immer wieder. Das ist gut zu wissen. Womit habe ich dieses Geschenk verdient?


SPIEGEL WISSEN: Patient Seele

21. Februar 2012

Die neue Ausgabe von SPIEGEL WISSEN beschäftigt sich mit dem Thema: „Patient Seele“. Ein sicherlich interessantes Heft.


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