Elftausend Kinder
11 July 2007 at 20:07 | In Aktionen, Elftausend Kinder | No CommentsSehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,mit Ihrer Unterschrift, Ihrer Geldspende oder Ihrer Teilnahme an Veranstaltungen in den deutschen Bahnhöfen haben Sie die bundesweiten Bemühungen um ein Gedenken an die 11.000 deportierten jüdischen Kinder aus Frankreich maßgeblich unterstützt. Seit Beginn dieser Aktivitäten sind über zwei Jahre vergangen. Es scheint uns an der Zeit, eine Bilanz zu ziehen. Sie ist positiv und ermutigend.
Unsere gemeinsamen Proteste gegen die Geschichtsvergessenheit der heutigen Bahn AG (der historischen Erbin des “Reichsbahn”-Unternehmens) haben den hartnäckigen Widerstand des Bahn-Vorstands aufweichen können. Ende 2006 kündigten Bahn AG und Verkehrsministerium an, unseren Forderungen wenigstens teilweise entsprechen zu wollen - durch eine Ausstellung im Jahr 2008. Eine unmittelbare Beteiligung der deutschen Bürgerinitiativen wiesen sie jedoch zurück. Die politische Wertung der Deportationen, deren Anstifter und Verantwortliche in der Bundesrepublik nie bestraft wurden, soll ohne uns, ohne Sie und die deutsche Öffentlichkeit stattfinden. Als wir gegen diese Anmaßung am 27. Januar diesen Jahres erneut auf den Bahnhöfen demonstrierten, setzte die Bahn AG Gewalt ein.
Seit diesen Ereignissen, die Gegenstand mehrerer parlamentarischer Anfragen im Deutschen Bundestag waren, schweigen Bahn AG und Verkehrsministerium. Um die Inhalte der angekündigten Ausstellung fand in deren Hinterzimmern ein monatelanges, entwürdigendes Tauziehen statt. Dabei ging es weniger um das Gedenken an die deportierten Kinder als um staatliche Deutungshoheit. Da dieses Verfahren bei den Oppositionsparteien auf Unwillen stieß, mußten die Berliner Verantwortlichen ein weiteres Mal klein beigeben: Der französischen Opferorganisation um Beate Klarsfeld (”Fils et Filles des Déportés Juifs de France”), deren direkte Beteiligung stets abgelehnt worden war, wurde endlich ein Angebot unterbreitet. Innerhalb der Bahn-Ausstellung könnten sie eine eigene Fläche gestalten.
Dies ist ein weiterer Erfolg unserer gemeinsamer Bemühungen. Den Angehörigen der Opfer mußte endlich zugestanden werden, was selbstverständlich ist: Über das Gedenken bestimmen vor allem sie, nicht jedoch die Nachfolgeinstitutionen der Täter.
Ob die Ausstellung, an der die französische Opferorganisation teilnehmen darf, je zustande kommt, wissen wir nicht. Sollten Bahn AG und Ministerium ihre unter Druck erfolgte Zusage einhalten, wünschen wir “Fils et Filles des Déportés Juifs de France” und Beate Klarsfeld einen würdigen Rahmen. Ihrer historischen Aufarbeitung der Opfer- und Tätergeschichte ist die öffentliche Aufmerksamkeit für den Leidensweg der deportierten Kinder aus Frankreich zu verdanken.
Aber was ist mit Leidensweg der deportierten jüdischen Kinder in und aus Deutschland? Was mit den deportierten Kindern der Sinti und Roma? Wie verhalten sich Bahn AG und das vorgesetzte Verkehrsministerium gegenüber einem Großverbrechen, das in fast sämtlichen europäischen Staaten stattgefunden hat? Darauf geben die historischen Erben der “Reichsbahn” den deutschen Bürgerinitiativen noch immer keine Antwort. Die seit über 60 Jahren betriebene Taktik des Schweigens setzen sie fort und rechnen mit der Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit.
Diese Rechnung, in deren Folge Rassenwahn und Rechtsextremismus um sich greifen, wird nicht aufgehen. Bei Beginn unserer Aktivitäten haben wir angekündigt, den Kindern endlich die verweigerte Ehre zu erweisen und gegen Widerstände unbeirrt vorzugehen. Diese Ankündigung machen wir wahr.
Wir unterstützen den in diesen Tagen an die Öffentlichkeit tretenden Verein “Zug der Erinnerung”, der auf breiterer Grundlage an unsere Aktivitäten anschließt. Wie der Verein ankündigt, wird er noch in diesem Herbst einen historischen Zug mit einer Gedenkausstellung auf den früheren Deportationsstrecken durch Deutschland fahren lassen, um an die hier geborenen Kinder zu erinnern - und an all die anderen aus den ehemals besetzten Staaten Europas. Auf diese Weise wird das Gedenken noch unmittelbarer und öffentlichkeitswirksamer in die Bahnhöfe getragen werden, als wir es seit 2005 mit geringeren Mitteln vermochten.
Wir bitten Sie herzlich um Ihre großzügige Unterstützung für den “Zug der Erinnerung”, dessen Weg nach mehrmonatiger Fahrt in der Gedenkstätte Auschwitz enden soll - dort, wo die meisten der Kinder ihr Leben lassen mussten. Nehmen Sie Kontakt mit den Koordinatoren auf, um den “Zug der Erinnerung” in Ihre Stadt, in Ihre Region zu holen - damit der dort verschleppten Kinder gedacht werden kann. Unterstützen Sie dieses umfassende Erinnerungsprojekt, das sich gegen das Erstarken der extremen Rechten wendet und dem Widerstand der Institutionen mit unserer Unbeirrbarkeit begegnet.
Mit herzlichen Grüßen
Initiative Elftausend Kinder
Berlin/Darmstadt/Frankfurt a.M./Göttingen/Halle/Leipzig/Mannheim/Weimar u.a.
i.A. Tatjana Engel
08. Juli 2007
Kontakt
Elftausend Kinder
29 January 2007 at 13:52 | In Aktionen, Elftausend Kinder | No CommentsBERLIN Mit zahlreichen Zwangsmaßnahmen, gewaltsamen Räumungen durch
Bahn- und Polizeikräfte sowie mit Aufenthalts- und Redeverboten
reagierte die Konzernleitung der Bahn AG am Auschwitz-Gedenktag auf
die bundesweiten Informationsveranstaltungen über das
Deportationsschicksal von 3 Millionen NS-Opfern. Auch mehrere
zehntausend jüdische Kinder waren mit dem Bahn-Vorgänger “Deutsche
Reichsbahn” in die Vernichtungslager transportiert worden. Wie aus
Halle berichtet wird, forderte das lokale Bahnmanagement die
bereitstehenden Polizeikräfte auf, “mit allen Mitteln” gegen das
Gedenken vorzugehen. Auf den Bahnhöfen Würzburg und Schweinfurt wurde
den Veranstaltern untersagt, sich mit Redebeiträgen an die Reisenden
zu wenden. Anlaß war eine Gedenkansprache des Berliner
Wissenschaftlers Prof. em. Dr. Ekkehart Krippendorff. In Göttingen
rissen Bahnbedienstete Fotos und Dokumente der 11.000 deportierten
jüdischen Kinder von einer provisorischen Ausstellungswand im dortigen
Hauptbahnhof. In Frankfurt a. M. griff das lokale Bahnmanagement
Mitglieder einer Bürgerinitiative an, die in den Zügen
Informationsmaterial an die Reisenden verteilen wollten. Die
Repressionsmaßnahmen waren von der Berliner Konzernzentrale angeordnet
worden. In Berlin drohte sie, den Berliner Hauptbahnhof zu räumen,
sollte es dort zu einer Pressekonferenz mit anschließender
Informationsveranstaltung kommen. Angekündigt war die Teilnahme des
Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Berlin Gideon Joffe und der
Publizistin Lea Rosh. Aus Paris kam Beate Klarsfeld in den Berliner
Hauptbahnhof. Bahnbedienstete setzten Gewalt ein, um ein Transparent
zu beschlagnahmen. “Wir sind bestürzt und beschämt”, sagt der
Pressesprecher der “Initiative Elftausend Kinder”. “Hier wird ein
demokratischer Konsens aufgekündigt, der unser aller Vergangenheit
betrifft.” german-foreign-policy.com dokumentiert die Ereignisse mit
Fotos und Redebeiträgen.
Elftausend Kinder
25 January 2007 at 14:25 | In Aktionen, Elftausend Kinder | No CommentsIst Herr Mehdorn ein Antisemit?
25.01.2007WÜRZBURG/FRANKFURT AM MAIN/MANNHEIM/HALLE (Eigener Bericht) - Mit einem “Zug der Erinnerung” gedenken Bürgerinitiativen in Bayern am kommenden Samstag der mainfränkischen Deportationsopfer. Etwa 2.000 Deutsche waren zwischen 1941 und 1943 aus Mainfranken mit der “Reichsbahn” in die Vernichtungslager geschleust und dort ermordet worden - wegen ihrer jüdischen Abstammung. Die Todesfahrten begannen auf dem Würzburger Schienennetz. Eine Ausstellung über die Deportationsopfer im Würzburger Hauptbahnhof hat die Deutsche Bahn AG seit mehreren Jahren verhindert. Deswegen werden Fotos und Dokumente jetzt in einem gemieteten “Zug der Erinnerung” gezeigt, der am Samstag auf Gleis elf des Würzburger Hauptbahnhofs einlaufen und anschließend nach Schweinfurt weiterfahren wird. Auf den Bahnsteigen beider Städte sollen am Samstag, dem Auschwitz-Gedenktag, Andachten und Informationsgespräche mit den Reisenden stattfinden. Ähnliche Aktivitäten, die den Ausstellungsboykott der Bahn AG umgehen, kündigen Initiativen in der gesamten Bundesrepublik an. Bereits am Freitag Abend wollen Frankfurter Organisationen vor der dortigen Börse an die zehntausende Kinder erinnern, die mit dem Vorgängerunternehmen der heutigen Bahn AG in den Tod geschickt wurden. Israelitische Kultusgemeinden in mehreren Städten beteiligen sich an Gedenken und Protesten.
Mit eigenen Veranstaltungen oder gemeinsam mit der “Initiative Elftausend Kinder” wollen jüdische Gemeinden am Samstag in Saarbrücken, Karlsruhe und Berlin ein sofortiges Ende der Boykottpolitik des Bahnvorstands fordern. Die Konzernleitung unter Hartmut Mehdorn weigert sich, ein angemessenes Gedenken an die Deportierten zuzulassen und daran die internationalen Opferorganisationen sowie die deutschen Bürgerinitiativen direkt zu beteiligen.[1] Dieser Boykott, der das Gedenken ins Belieben der Bahn AG stellt, wird vom Bundesminister für Verkehr, Wolfgang Tiefensee (SPD), ausdrücklich gebilligt.[2] “Er ist unfähig, sich gegen Mehdorn durchzusetzen”, heißt es im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages über den Minister. Mehrere Bundestagsabgeordnete wollen den Ausschuss zum wiederholten Mal mit Mehdorns Geschichtspolitik beschäftigen und erwarten von Tiefensee eine Ende der Hinhaltetaktik.
Abgelehnt
Der Konflikt scheint sich auszuweiten, nachdem Mehdorn den bisherigen Protesten nachgeben musste und ausgerechnet den Leiter des Bereichs “Schienenverkehr” im Technikmuseum Berlin, Alfred Gottwald, mit einer Auftrags-Ausstellung betraut hat. Statt mit dem Gedenken sofort zu beginnen und so dem Beispiel der Bürgerinitiativen zu folgen, soll diese Ausstellung angeblich erst im kommenden Jahr gezeigt werden. Sie stützt sich auf Exponate im Bahnmuseum Nürnberg, wo das Deportationsgeschehen organisationstechnisch und völlig unzureichend abgehandelt wird - vor allem aber wird die Darstellung nicht der Perspektive der Opfer gerecht.[3] Insbesondere wird den mehreren zehntausend Kindern, die mit der “Reichsbahn” in den Tod geschleust wurden, keine spezifische Beachtung geschenkt. Deswegen soll es der Pariser Historiker Serge Klarsfeld abgelehnt haben, an dem unqualifizierten Bahn-Vorhaben teilzunehmen.Europaweit
Der Dissens hat Folgen. Inzwischen weisen Historiker darauf hin, dass eine Erforschung und Darstellung der deutschen Bahndeportationen, denen die jüdischen Kinder zum Opfer fielen, lediglich in Frankreich geleistet worden ist. Die europaweite Dimension (Niederlande, Belgien, Dänemark, Norwegen, Italien, Griechenland sowie Ost- und Südosteuropa) liegt bis heute im Dunkel. Wie viele der rund drei Millionen Bahndeportierten Kinder waren, ist unbekannt. Keine der “Reichsbahn”-Nachfolgeinstitutionen hat sich bisher um die Geschichte dieser Menschen gekümmert, geschweige eine öffentliche Ehrung für nötig gehalten. In letzter Instanz verantwortlich ist das Bundesverkehrsministerium - das regelmäßig auf Mehdorn verweist und sich für nicht zuständig erklärt. Dieses Versteckspiel könnte nicht nur für die Tiefensee-Mannschaft unangenehme Folgen haben, sollte eine europaweite Diskussion um die Deportationen der “Reichsbahn” beginnen; auch das Auswärtige Amt ist betroffen.Rollendes Gedenken
Die Veranstaltungen am kommenden Samstag kündigen dieses europaweite Interesse an. Insbesondere bei den Protesten im Berliner Hauptbahnhof [4] wird die ausländische Presse vertreten sein. Pikanterweise ist auch Bundesverkehrsminister Tiefensee eingeladen, an den Protesten teilzunehmen. Ebenfalls in Anwesenheit der Presse und mit mehreren zehntausend Flyern werden die Reisenden vor und in den Bahnhöfen von Halle, Erfurt, Leipzig, Aachen, Karlsruhe, Göttingen, Köln, Mannheim und Siegen informiert.[5] Auf Zugstrecken im Rhein-Main-Gebiet soll den Fahrgästen Gelegenheit zu Gesprächen mit Vertretern der Bürgerinitiativen gegeben werden. Sie wollen in den Zügen mit Fotos an die Deportierten erinnern. Für diese rollenden Veranstaltungen interessieren sich TV-Sender. “Wir hoffen, dass die Bahn AG dieses Gedenken nicht stören wird”, sagt Dr. Dietrich Schulze aus Karlsruhe. Er vertritt die örtlichen Initiatoren.Ehren
Besondere Aufmerksamkeit findet der “Zug der Erinnerung” in Würzburg. Dort wird das über zwei Jahre verhinderte Bahnhofsgedenken jetzt doch stattfinden - auf Gleis elf in zwei historischen Waggons, die von einer Dampflok gezogen und am Samstag in Pendelfahrten nach Schweinfurt verkehren werden. Durch Anmietung der Wagen und rechtmäßige Buchung einer Trasse umgehen die Veranstalter Mehdorns Gedenkboykott. Auf dem Abfahrtsbahnsteig des Würzburger Hauptbahnhofs verfügen sie während der Bereitstellungszeiten über das Hausrecht und werden dort die Deportierten öffentlich ehren. Zur kostenlosen Mitfahrt, zu Vorträgen und Diskussionen wurden Würzburger Schulklassen und alle Bürger eingeladen, die sich mit Dokumenten über die Bahndeportationen der mainfränkischen Juden bekannt machen wollen. Auch Exponate über die elftausend jüdischen Kinder, die aus Frankreich in die Vernichtungslager geschleust wurden, stehen im “Zug der Erinnerung” zur Verfügung. (Fotos: Die Deportation der mainfränkischen Juden vollzog sich auf dem Würzburger Bahnhof Aumühle, ohne dass die Verhaftungen und Verschleppungen verheimlicht wurden. Das Würzburger Laufpublikum sah zu, wie die ihnen teilweise bekannten Menschen mit Judensternen und letztem Gepäck auf Bahnreisen “in den Osten” geschickt wurden.)Museum
Mit der Weigerung des Bahnchefs, dieser Kinder durch Ausstellungen auf den deutschen Bahnhöfen angemessen zu gedenken, hatte sich die israelitische Kultusgemeinde in Würzburg bereits im vergangenen Jahr auseinandergesetzt. Der Vorsitzende Dr. Josef Schuster fragte bei einer öffentlichen Veranstaltung für die NS-Opfer nach den Motiven, die den seit Jahren andauernden Boykott des Konzernherrn erklären könnten. “Ist (…) Herr Mehdorn ein Antisemit?”, lautete die rhetorische Frage, die Schuster differenziert beantwortete.[6] “Ich glaube nicht”, schlussfolgerte der Vertreter jener Gemeinde, die 2.000 Deportierte zu ihren Opfern zählt. “Er (Mehdorn) verkörpert mit dieser Haltung eine weitverbreitete Stimmung in Teilen der Bevölkerung, die offensichtlich genug hat von diesem Abschnitt deutscher Geschichte, die meint, die Geschichte gehöre ins Museum.”Erinnern
“Nein, man kann sich der Geschichte durch Verschweigen nicht entledigen. Und man ehrt die Opfer, wenn man sich an sie erinnert” (Schuster).
Infoanfragen über die örtlichen Veranstaltungen unter elftausendkinder@web.deAusführliche Berichte über die “Initiative Elftausend Kinder” finden Sie in unserem EXTRA-Dossier Elftausend Kinder.
[1] Lesen Sie auch unser EXTRA-Dossier Elftausend Kinder.
[2] Gemeinsame Erklärung des Bundesministers für Verkehr und des Bahnvorsitzenden vom 01.12.2006
[3], [4] s. dazu Erhebliches Aktienrisiko
[5] Den Flyer finden Sie hier.
[6] Dr. Josef Schuster: Keiner konnte sagen, er habe nichts gewusst. Rede zum 09. November 2006. In: Gedenken an die Deportation der Juden. Gemeinschaft Sant’ Egidio, 2007
Elftausend Kinder
9 January 2007 at 13:19 | In Aktionen, Elftausend Kinder | No CommentsIn den Zügen
BERLIN (Eigener Bericht) - Bürgerinitiativen in mehr als zehn deutschen Städten rufen zu Protest- und Gedenkveranstaltungen in den Bahnhöfen der Bundesrepublik sowie auf dem Schienennetz der Deutschen Bahn AG auf. Damit solle an die drei Millionen Deportierten erinnert werden, die während der NS-Zeit mit der Deutschen Reichsbahn in Arbeits- und Vernichtungslager geschleust wurden, heißt es in einem Aufruf zum 27. Januar, dem Auschwitz-Gedenktag. Bundesweite Erinnerung und würdige Proteste seien dringend notwendig, da sich der Bahnvorsitzende Mehdorn noch immer weigere, über die Opfer seines Vorgängerunternehmens “vorbehaltlos” zu informieren. Stattdessen solle eine Ausstellung im Nürnberger Bahn-Museum als “Grundlage” des öffentlichen Gedenkens genügen. Dieses Diktat sei “beschämend”, urteilen die Bürgerinitiativen. “In dem Bahnmuseum wird das Schicksal der Deportierten in einer Ausstellungsecke von 18 Quadratmetern abgehandelt (…). 18 Quadratmeter: weniger Fläche als in einem einzigen Deportationswaggon.” Eine beliebige “Ergänzung” dieser völlig unangemessenen “Ausstellung” unter alleiniger Kontrolle des Unternehmensvorstands sei völlig unakzeptabel. Wenn sich Mehdorn “nicht vorbehaltlos der Vergangenheit stellt und die europaweite Beihilfe zum Massenmord weiter als lästige Verschlusssache behandelt, wird der internationale Druck noch größer werden”, kündigt der Aufruf an. Ausdrücklich wird zu Protesten “in den Zügen der Deutschen Bahn AG” aufgerufen. german-foreign-policy.com bringt Auszüge.
Der Aufruf ist als Antwort auf eine “Erklärung” des Bundesministers für Verkehr (Wolfgang Tiefensee) und des Vorsitzenden der Bahn AG (Hartmut Mehdorn) vom Dezember 2006 zu verstehen.[1] Unter dem Druck zweijähriger Proteste hatte Mehdorn vor einem Monat zusagen müssen, das Gedenken an die Deportierten auf den deutschen Bahnhöfen nicht länger zu boykottieren. Aber in welcher Form an die drei Millionen Opfer der Mordbeihilfe des Vorgängerunternehmens (und an die Täter) erinnert werden darf, liegt im alleinigen Ermessen der Bahn AG, heißt es in der “Erklärung” von Tiefensee/Mehdorn. Konkrete Aussagen über den Umfang der Ausstellung und die zugelassenen Bahnhöfe unterbleiben. Jede gleichberechtigte Beteiligung der Opferorganisationen und der deutschen Bürgerinitiativen wird ausgeschlossen.
Zeigt nichts
“Grundlage” der Erinnerung habe eine angebliche Ausstellung im Bahn-Museum Nürnberg zu sein, diktieren Mehdorn und Tiefensee in ihrer “Erklärung”.[2] Über diese “Ausstellung” berichtete der Deutschlandfunk unmittelbar nach Veröffentlichung des Ministerialpapiers, dabei handele es sich um ein kleines “Kabuff” [3] von 18 Quadratmetern Größe, “das wie ein lästiger Wurmfortsatz wirkt”. Als “Grundlage” für eine offene und freie Information über die drei Millionen Deportierten, unter denen sich mehrere zehntausend Kinder befanden, sei diese “Ausstellung” völlig unangemessen und konzeptionell äußerst fragwürdig. “Diese ‘Dokumentation’, auf die Bahnchef Mehdorn immer wieder als ‘ausreichend’ verwiesen hat, tut niemandem weh und sie zeigt schon gar nichts von dem grausamen Abgrund, der sich zwischen zynischer Bürokratie, fahrplanmäßiger Organisation und dem unvorstellbaren kollektiven und individuellen Leid auftut”, heißt es im Deutschlandfunk.Schatten
Da die deutschen Bürgerinitiativen nicht bereit sind, die Marginalisierung der Opfer mitzutragen, weiten sie ihre Aktivitäten aus. Der Aufruf wird von Gruppen in Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg, Karlsruhe, Köln, Mannheim, Siegen, Weimar und weiteren Städten der Bundesrepublik verbreitet. Nach einer bundesweiten Arbeitskonferenz am vergangenen Samstag kündigen die überparteilichen Initiativen an, ihre Aktivitäten international zu strukturieren. Demnach wird es am 27. Januar sowohl zu Informationsveranstaltungen auf zahlreichen Bahnhöfen, aber auch zu Aktionen auf dem Schienennetz kommen. Da sich die Bahn AG “für internationale Anleger (…) an der Börse vermarkten” [4] will und mit “europaweitem Anspruch” operiere, müsse zukünftigen Aktionären verdeutlicht werden, dass auf dem Konzern “der Schatten des Vorgängerunternehmens” laste. Auch diese Klarstellung wolle man am 27. Januar der interessierten Öffentlichkeit näher bringen.Drei Millionen
Zur Ausweitung der Aktivitäten gehört eine stärkere Betonung der noch immer ungeklärten Deportationsschicksale vieler zehntausend Kinder aus den vormals NS-okkupierten Staaten Europas. Anders als ihre elftausend französischen Leidensgefährten, deren Identitäten dank jahrzehntelanger Recherchen des Ehepaars Klarsfeld (Paris, Fils et Filles des Déportés Juifs de France) weitgehend geklärt sind, kenne man “von den anderen (…) oft nicht einmal die Namen”. Erwähnt werden die “deportierten (jüdischen) Kinder aus Griechenland und Norwegen, aus Polen und Holland, aus Italien und Belgien”. Das Deportationsschicksal dieser Kinder, die unter Beihilfe der Reichsbahn ermordet wurden, müsse vom Nachfolgeunternehmen nicht nur allgemein bedauert, sondern aufgeklärt und öffentlich gewürdigt werden. Dies in angemessener Weise zu tun, bedeute auch, sich der Dimension des Gesamtverbrechens zu stellen und der drei Millionen Juden, Sinti und Roma sowie aller anderen Deportierten zu gedenken. Sie wurden in Zügen der Reichsbahn dem Tod ausgeliefert.Warnen
Ihren Aufruf stellen die Bürgerinitiativen als Flyer zur Verfügung und laden zur bundesweiten Verbreitung im Umfeld des 27. Januar ein. “Das entsetzliche Schicksal der Opfer können wir nicht ungeschehen machen. Aber wir können ihre Namen und ihre Gesichter in Erinnerung rufen: Dort, wo sie ihren letzten Weg antreten mussten - auf den deutschen Bahnhöfen. Diese Menschen dürfen nicht vergessen bleiben. An sie zu erinnern bedeutet zugleich, vor dem Erstarken des Neonazismus zu warnen.”Bitte lesen Sie weitere Auszüge aus dem Aufruf zum 27. Januar.
Eine Liste mit Namen und Geburtsorten deutscher Kinder, die mit der Reichsbahn in den Tod geschickt wurden, weil sie Juden waren, finden sie in der Rubrik Dokumente.
Ausführliche Informationen über das Gedenken stellt die Redaktion in einem EXTRA-Dossier zur Verfügung.
[1] Gemeinsame Erklärung. Bahn zeigt neue Ausstellung über Deportationen; Berlin 01.12.2006
[2] Wörtlich heißt es: “Grundlage der Ausstellung wird die bereits bestehende Dauerausstellung im DB-Museum in Nürnberg sein.” “Neue Erkenntnisse (…) werden die bisherige Ausstellung ergänzen.”
[3] Bernd Noack: Mit der Bahn in den Tod. Das Deutsche Bahn-Museum erinnert an die Judentransporte im Nationalsozialismus; Deutschlandfunk, Kultur heute, 04.12.2006
[4] Mit der Reichsbahn in den Tod; Aufruf zum 27. Januar 2007
Elftausend Kinder
4 December 2006 at 12:34 | In Aktionen, Elftausend Kinder | 1 CommentGefährdete Renditen
04.12.2006BERLIN/PARIS/HAMBURG (Eigener Bericht) - In mehreren Presseerklärungen haben die Initiatoren der Ausstellung über NS-Reichsbahn-Deportationen erste Zugeständnisse des Bahnvorsitzenden Mehdorn begrüßt, aber für nicht ausreichend erklärt. Nach zweijährigen Verboten hatte Mehdorn am Wochenende eingewilligt, die deutschen Publikumsbahnhöfe für das Gedenken an elftausend deportierte jüdische Kinder und drei Millionen weitere Reichsbahn-Opfer zu öffnen. Allerdings, so Mehdorn, verfolge er “ein eigenes (…) Konzept”. Grundlage solle eine bereits bestehende Museums-Ausstellung in Nürnberg sein, die Mehdorn “ergänzen” möchte. Eine Beteiligung Dritter werde nicht zugelassen. Das in jahrzehntelangen Recherchen erstellte Archiv der französischen Opferorganisation von Beate und Serge Klarsfeld bezeichnet Mehdorn als “Material”, von dem “Elemente” in seine Ausstellung “integriert” werden könnten. Dieses “Material” sollen die Opfer “zur Verfügung stellen”, ohne am Austellungskonzept mitwirken zu dürfen. Auch den deutschen Bürgerinitiativen, die sich in über 20 Städten für das Gedenken an die Reichsbahn-Deportierten einsetzen, wird jede Beteiligung verweigert. Angesichts dieser Zumutungen kündigen die deutschen Initiatoren weitere Demonstrationen an. Auch die französische Opferorganisation teilt mit, dass jede Zusammenarbeit mit der Bahn AG ausgeschlossen ist, wenn Mehdorn über die Ausstellungsinhalte allein verfügen möchte.
Nach monatelangem Gezerre zwischen dem Berliner Verkehrsministerium und dem Bahnvorsitzenden Mehdorn veröffentlichten beide Seiten am vergangenen Freitag eine “Gemeinsame Erklärung”.[1] Sie kündigt eine “neue Ausstellung über Deportationen” an, die im Jahr 2008 eröffnet werden soll. Im Untertitel heißt es, die Bahn AG habe mit dem Minister “Einvernehmen” erzielt; seinem “besonderen Anliegen” werde Mehdorn “entsprechen”. Die Formulierungen lassen den Minister als Bittsteller erscheinen, dem die Erfüllung persönlicher Anliegen gewährt wird - von einem Angestellten der öffentlichen Hand.
Renditen
Wie die “Initiative Elftausend Kinder” in einer gestern veröffentlichten Stellungnahme schreibt [2], sind die Zugeständnisse des Bahnvorsitzenden Mehdorn dem “öffentliche(n) Protest vieler Tausend Teilnehmer” zuzuschreiben. Auch der internationale Widerhall habe das vorläufige “Ende des Gedenkverbots bewirkt”. Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” vermutet, Mehdorn sei “mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten des geplanten Börsengangs” der Bahn AG zurückgewichen [3] - ein Hinweis auf gefährdete Aktienrenditen unter dem Druck der Bahnhofsdemonstrationen.Nicht exklusiv
Die deutschen Initiativen werten die Wirkungen ihrer zweijährigen Aktivitäten als großen Erfolg. Ähnlich urteilt die französische Opferorganisation “Fils et Filles des Déportés Juifs de France” (FFDJF). In einem ebenfalls gestern veröffentlichten Pressekommuniqué von Beate und Serge Klarsfeld (Paris) heißt es, man sei den deutschen Initiativen für ihre “permanenten Demonstrationen” dankbar.[4] Sie hätten zu einem wichtigen Ziel geführt. Damit dieser Erfolg “in eine frei zugängliche und unzensierte Ausstellung über das Schicksal der Deportierten münden kann”, fordert die bundesweite Initiative die Beteiligung einer breiten Öffentlichkeit. “Die gesellschaftliche Aufgabe des Gedenkens ist keine exklusive Angelegenheit des Bahnvorstands, der sich dem Gedenken jahrelang verweigert hat”, schreiben die deutschen Initiatoren.Abgeblitzt
Deswegen müsse ein Kuratorium ins Leben gerufen werden, dem neben der Bahn AG die französische Opferorganisation “Fils et Filles des Déportés Juifs de France” (FFDJF) an führender Stelle anzugehören habe. Beate und Serge Klarsfeld dürften beanspruchen, die Diskussion um das Gedenken an die Deportationsopfer auf der Basis ihrer jahrelangen Forschungsarbeit in Gang gesetzt zu haben. Ihr von Mehdorn verfügter Ausschluss werde unter keinen Umständen hingenommen. Auch seien die deutschen Bürgerinitiativen gleichberechtigt zu beteiligen. FFDJF und die deutschen Initiativen haben bereits im Juli eine wissenschaftliche Steuerungsgruppe eingesetzt und die Teilnehmer dem Bundesminister für Verkehr benannt. Auf dieses Angebot ist das Ministerium bis heute nicht eingegangen und lässt die wissenschaftlichen Vorarbeiten in der Mehdorn-Erklärung unerwähnt. Auch die noch vor kurzem angekündigte Einbeziehung des Hamburger Reemtsma-Instituts wird verschwiegen. Minister Tiefensee hatte der Presse Ende Oktober mitgeteilt: “Herr Reemtsma und sein Institut verantworten das Konzept”.[5] Davon ist jetzt nicht mehr die Rede, da das Ministerium dem Bahnchef die alleinige Trägerschaft und Kontrolle zugesagt hat. Wie es in Hamburg heißt, habe Tiefensee dem düpierten Reemtsma am Wochenende ein “Vier-Augen-Gespräch” angeboten, um den Affront zu mildern - und sei abgeblitzt.300 Millionen
Zweifel bestehen nicht nur an der Ernsthaftigkeit des Ministeriums, sondern auch an den von Mehdorn konzedierten Ausstellungsinhalten. Die Initiatoren lehnen jede Einschränkung ab, die statt der Opferschicksale allgemeine Wissenschaftserkenntnisse präsentieren will (”Rolle der Reichsbahn im Holocaust”).[6] Durch Entpersonalisierung würde dem Reisepublikum ein unmittelbarer Zugang zu den damaligen Geschehnissen verwehrt werden; im Mittelpunkt müssten die Kinder stehen. Hintergrund der angekündigten Einschränkungen ist der Versuch, die in einem Nürnberger Bahn-Museum bereits befindlichen Bahnexponate (”Grundlage”) durch “Ergänzung” als “neu” erscheinen zu lassen. Wenn auch nicht “neu”, so ist diese Variante auf jeden Fall billig. Würde eine wirkliche Erforschung der Kinderschicksale und ihre angemessene Präsentation auf den deutschen Bahnhöfen mehrere Hunderttausend Euro kosten, so lässt sich mit der “Ergänzung” Geld sparen. Wie es in Berlin heißt, habe Mehdorn bisher 20.000 Euro zugesagt. Die Deportation der Kinder und weiterer drei Millionen Menschen hatte dem Vorgängerunternehmen der Bahn AG nach heutiger Kaufkraft und ohne Berücksichtigung des Zinsertrages mehr als 300 Millionen Euro eingebracht.[7]6. Dezember
Angesichts der “Alleinverfügung Mehdorns über Ausstellungsinhalte und Ausstellungsorte” hält es die deutsche “Initiative Elftausend Kinder” für unwahrscheinlich, dass die seit über zwei Jahren schwelenden Auseinandersetzungen beigelegt werden können. Die Öffentlichkeit werde sich in neuen Demonstrationen zu Wort melden, heißt es in der gestern veröffentlichten Pressemitteilung. Der erste Termin steht bereits in dieser Woche an: In Hamburg will die Bahn AG den 100. Geburtstag der dortigen Gleisanlagen feiern - ausgerechnet am 6. Dezember, mit Show-Biz und Sekt. Am 6. Dezember 1941 fuhren durch den jetzt befeierten Hamburger Hauptbahnhof mehrere Waggons des Vorgängerunternehmens der Bahn AG mit 750 Hamburger Juden. Nach ihrer Schleusung auf dem deutschen Schiennentz wurden sie in Riga der Vernichtung preisgegeben. Die Hamburger Arbeitsgruppe “Elftausend Kinder” im Auschwitz-Komitee, die Gewerkschaft ver.di-Hamburg sowie die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN-BdA) rufen dazu auf, der Opfer am kommenden Mittwoch angemessen zu gedenken.Bitte lesen Sie die Pressemitteilung der Initiative “Elftausend Kinder”.
Die ausführliche Erklärung der Initiative (”Öffentlich und mit den Opfern gemeinsam gedenken”) stellt Ihnen die Redaktion am Dienstag zur Verfügung.
Unser EXTRA-Dossier Elftausend Kinder hält umfangreiche Informationen, Dokumente und Fotos bereit.
[1] Gemeinsame Erklärung: Bahn zeigt neue Ausstellung über Deportationen. Einvernehmen und enge Abstimmung mit Bundesverkehrsministerium; Pressemitteilung 01.12.2006
[2] Öffentlich und mit den Opfern gemeinsam gedenken. Erklärung der Initiative Elftausend Kinder; 03.12.2006
[3] Shock and go: Nun doch Holocaust-Ausstellung auf Bahnhöfen; Frankfurter Allgemeine Zeitung 02.12.2006
[4] Fils et Filles des Déportés Juifs de France (FFDJF): Communiqué de Presse, 03.12.2006
[5] “Wir brauchen die Bahnhöfe”; Süddeutsche Zeitung 24.10.2006
[6] Gemeinsame Erklärung: Bahn zeigt neue Ausstellung über Deportationen. Einvernehmen und enge Abstimmung mit Bundesverkehrsministerium; Pressemitteilung 01.12.2006
[7] Die Deportierten mussten pro Reichsbahn-Kilometer vier Pfennige entrichten. Die Rechnung geht von durchschnittlich 800 km zwischen Heimatort und Vernichtungslager sowie von dem niedrig angesetzten Wertfaktor 3 aus.
Elftausend Kinder
6 November 2006 at 16:20 | In Elftausend Kinder | No CommentsMehdorn: Die Bahnhöfe bleiben weiter gesperrt
06.11.2006WEIMAR/BERLIN/FRANKFURT AM MAIN/PARIS (Eigener Bericht) - Mit Demonstrationen und Veranstaltungen, die heute in Weimar beginnen, erinnern deutsche Bürgerinitiativen an die November-Pogrome von 1938. Nach Brandschatzungen zahlreicher Synagogen und reichsweiten Plünderungen wurden seit dem 9. November etwa 20.000 Deutsche deportiert, weil sie als ethnisch unrein (”artfremd”) galten. Für die Opfer des amtlichen Antisemitismus der Berliner Regierung hielt die Deutsche Reichsbahn Züge bereit und schleuste die Verhafteten in mehrere Konzentrationslager. Damit begann eine Schienenlogistik, deren industrielle Präzision in europaweiten Todestransporten endete. Mehr als drei Millionen Menschen führte die Deutsche Reichsbahn den Vernichtungslagern zu - und kassierte für die Fahrten in Viehwaggons stattliche Beträge. Die Konzernleitung der heutigen Bahn AG weigert sich auch in diesem Jahr, der Opfer auf den Bahnhöfen durch eine Ausstellung zu gedenken. Deswegen werden in dieser Woche Proteste in mindestens 20 deutschen Städten erwartet. Die Initiatoren wollen den internationalen Druck auf die politischen Instanzen, darunter auf das Bundesverkehrsministerium, weiter steigern.
Zum Auftakt der Veranstaltungen am heutigen Montag wird ein Gedenkweg auf der Trasse der ehemaligen Buchenwaldbahn eröffnet. Über 13 Kilometer führten die Gleise von einer Anschlusstelle des Weimarer Hauptbahnhofs in das Lager. Bei den Akkordarbeiten starben im Frühjahr 1943 zahlreiche KZ-Gefangene. Ein Jahr später begann der Antransport Tausender “Häftlinge aus ganz Europa. 1944 kamen Züge aus Frankreich mit brechend vollen Waggons (…). Viele Deportierte erstickten oder waren verdurstet”.[1] Eine unbekannte Anzahl deportierter Kinder erreichte Weimar mit Transporten vom 30. Juli und 18. August 1944, darunter Jacob Rechtschaffen aus Hamburg-Altona und Herbert Klinger aus Wien.[2] Dem Andenken dieser Kinder gilt der Gedenkweg auf der Bahntrasse zwischen Weimar und Buchenwald. Die Initiatoren [3] bemühen sich seit zwei Jahren vergeblich um eine Unterstützung der heutigen Bahn AG. Den Weimarer Hauptbahnhof sperrte Bahnchef Mehdorn mehrmals für das geforderte Gedenken.[4] Gegen die Demonstranten wurde auch Polizei eingesetzt.
Durchsetzen
Nach Informationen der “Initiative Elftausend Kinder” finden Gedenkveranstaltungen und Proteste gegen den Erinnerungsboykott der Bahn AG in dieser Woche in Apolda, Berlin, Dortmund, Erfurt, Frankfurt am Main, Halle, Hamburg, Heidenheim, Kaiserslautern, Karlsruhe, Leipzig, Mannheim, München, Münster, Offenbach (Main), Weißenfels, Wuppertal, Siegen und Trier statt. Damit hat sich die Beteiligung an den Protesten erneut verbreitert. In einem zentralen Flyer fordern die Initiativen den Bundesverkehrsminister auf, “das Gedenken an die deportierten Kinder endlich durch(zu)setzen, statt es in Museen oder Geschichtsinstitute zu verschieben”.[5] Obwohl der deutsche Staat Eigentümer der Bahnanlagen ist, gelingt es dem zuständigen Minister nicht, den Widerstand des Bahnmanagements zu überwinden und für ein angemessenes Gedenken zu sorgen. In einem Presseinterview kündigte Wolfgang Tiefensee vor zwei Wochen an, sein Ministerium plädiere für eine Ausstellung durch das Hamburger Reemtsma-Institut [6] - doch die Bahnhöfe bleiben weiter gesperrt [7].Frankfurter Börse
Wegen des Ausstellungsboykotts wird es zu regional unterschiedlichen Aktivitäten gegen den Konzernvorstand kommen. Der 9. November sei Anlass, “vor dem Gebäude der Deutschen Bahn AG im Frankfurter Gallusviertel das Recht auf Gedenken in deutschen Bahnhöfen zu verteidigen”, heißt es in einem Aufruf der Initiatoren am Main.[8] Anschließend wollen die Demonstranten zur Frankfurter Börse ziehen, um den Anlegern zu verdeutlichen, daß man eine eventuelle Privatisierung des Unternehmens “kritisch begleiten werde(…), wenn die Bahn das Gedenken an die 11000 jüdischen Kinder weiter behindert”. Die Auseinandersetzung habe inzwischen die Dimension eines “international beachteten Skandals angenommen”, schreiben die Veranstalter und laden die Presse zu den Protesten um 7 Uhr (Gallusviertel) und um 10 Uhr (Börse) ausdrücklich ein.Historisierung
In Berlin findet am 9. November eine Kundgebung am Mahnmal in der Levetzowstraße (Tiergarten) und eine anschließende Demonstration zur Putlitzbrücke im Bezirk Moabit statt. In der Levetzowstraße befand sich die zentrale Sammelstelle für die Berliner Deportationsopfer. Ab 1941 traten hier etwa 35.000 Menschen ihre letzte Fahrt in die Vernichtungslager mit Zügen der Reichsbahn an. Das Mahnmal zeigt eine Gruppe Gefangener an einer Rampe und in einem Eisenbahnwaggon. In dem Aufruf heißt es, “die Historisierung des Nationalsozialismus als eine Episode deutscher Geschichte unter anderen” schreite “immer weiter voran”.[9] Das bloße Gedenken an die Reichspogromnacht werde “als Beweis instrumentalisiert”, um in internationalem Maßstab glauben zu machen, Deutschland sei ein “‘normales’ Land, welches seiner ‘Verantwortung’ als Großmacht (…) bestens nachkommen könne” - “gerade wegen Auschwitz”. Mit der Kundgebung wollen die Initiatoren dazu beitragen, dass diese “Historisierung der NS-Verbrechen (…) nicht gelingt”. Die Demonstration zur Putlitzbrücke endet an einem Mahnmal über den Deportationsgleisen, das 1987 eingeweiht “und seither Ziel diffamierender Schändungen” wurde, heißt es auf der dortigen Gedenkplakette. “Ein Sprengstoffanschlag am 29. August 1992 beschädigte das Mahnmal teilweise schwer.” An beiden Gedenkorten wollen die Demonstranten mehrere Tausend Flyer der “Initiative Elftausend Kinder” verteilen und die Freigabe der deutschen Bahnhöfe fordern. Unterstützer der Initiative kündigen an, dass sie sich auch direkt an das Berliner Zugpublikum wenden werden.Genehmigung
Bereits Ende Oktober gedachten Freiburger Initiatoren der Deportationen, die 1940 vom Güterbahnhof Schnewlinstraße in das Übergangslager Gurs (Frankreich) führten. Von dort wurden die Opfer in die deutschen Vernichtungsfabriken geschleust - auf den Gleisen der Reichsbahn. Etwa 100 Freiburger waren am 22. Oktober verhaftet und auf einen Sammelplatz im Stadtteil Wiehre zusammengetrieben worden. An dieser Stelle wurde jetzt eine Gedenktafel eingeweiht (s. Foto), die der Freiburger Mäzen Andreas Meckel stiftete und am ursprünglichen Sammelplatz aufgestellt sehen wollte - unmittelbar vor einer Kirche. Aber der “Erzbischof erlaubte nicht, sie (die Gedenktafel) an der Kirche anzuschrauben, darum brauchte sie einen Ständer und die Genehmigung vieler Ämter, um jetzt - vor der Südwand der Kirche- auf städtischem Grund stehen zu dürfen”, schreibt die badische Presse über das zweijährige Procedere.[10]Ungewiss
Ebenfalls seit zwei Jahren warten Beate Klarsfeld und die Pariser Opferorganisation “Fils et Filles des Déportés Juifs de France” (FFDJF) auf die Realisierung des Gedenkens, das sie im Herbst 2004 dem deutschen Bahnmanagement erstmals ans Herz legten. Stand am Anfang die Idee, ausschließlich Fotos und Dokumente der 11.000 aus Frankreich deportierten Kinder in die deutschen Bahnhöfe zu bringen, so haben die anhaltenden Auseinandersetzungen inzwischen zu einer Erweiterung des Konzepts geführt. Demnach solle den deutschen Reisenden auch das Schicksal der aus Belgien, den Niederlanden oder Polen deportierten Emigranten-Kinder nahegebracht werden - ebenso wie der Leidensweg Tausender jüdischer Kinder, die direkt in Deutschland verhaftet wurden.[11] Ob dieser Kinder jemals dort gedacht werden darf, wo sie ihre letzte Reise antreten mussten - in den deutschen Bahnhöfen -, ist weiter ungewiss.Öffentlichkeit
Das erklärte Ziel der deutschen Initiativen ist die Zurücknahme des Gedenkboykotts durch bundesweite sowie internationale Öffentlichkeitsarbeit. Anlässlich der Veranstaltungen und Proteste in Apolda, Berlin, Dortmund, Erfurt, Frankfurt am Main, Halle, Hamburg, Heidenheim, Kaiserslautern, Karlsruhe, Leipzig, Mannheim, München, Münster, Offenbach (Main), Weimar, Weißenfels, Wuppertal, Siegen und Trier veröffentlicht german-foreign-policy vom 9. bis zum 11. November Hintergrundberichte, Interviews und eine Fotostrecke. Bitte schicken Sie Notizen, Berichte sowie Bildreportagen am 9. November bis spätestens 18.00 Uhr an folgende Email-Adresse: info@german-foreign-policy.com.Umfassende Informationen finden Sie auf unserer EXTRA-Seite Elftausend Kinder.
[1] Die Buchenwaldbahn und der Bahnhof; efg.wtal.de/PROJEKTE/Geschichte_Buchenwald/buchenwaldbahn.html
[2] Serge Klarsfeld: Les 11.400 enfants juifs déportés de France. Paris 2006
[3] Zentrum für Soziokultur Weimar und “Initiative Elftausend Kinder”
[4] s. dazu Technisch durchdacht
[5] s. dazu 11.000 jüdische Kinder - Mit der Reichsbahn in den Tod
[6] “Wir brauchen die Bahnhöfe”. Süddeutsche Zeitung, 24.10.2006
[7] s. dazu Von hinten erschossen
[8] Aktion für das Recht auf Gedenken. Anti-Nazi-Koordination Frankfurt am Main, Aufruf zum 09.11.2006
[9] Was wir am 9.November wollen und was nicht. Antifaschistische Initiative Moabit (AIM), Aufruf zum 09.11.2006
[10] Der Tag, an dem “die Welt einstürzte”. Badische Zeitung, 24.10.2006
[11] s. dazu Von hinten erschossen
Flyer
31 October 2006 at 12:51 | In Elftausend Kinder | No Comments31.10.2006
Zum 9. November (Reichspogromnacht) veröffentlicht die Initiative “Elftausend Kinder” einen Flyer und ruft zur Verbreitung im gesamten Bundesgebiet auf.
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 brannten in ganz Deutschland die Synagogen. Jüdisches Eigentum wurde geplündert und zerstört. Etwa 20.000 Menschen ließ die Berliner Regierung verhaften und in Konzentrationslager deportieren. Die Transporte übernahm die Deutsche Reichsbahn. “(A)uf dem deutschen Schienennetz begann die Logistik des Todes”, heißt es in dem Flyer, der sich an die heutigen Fahrgäste der Deutschen Bahn AG wendet. “Bis zum Ende des 2. Weltkriegs rollten Reichsbahn-Transporte mit insgesamt 3 Millionen Opfern durch Deutschland (…). Fahrtziel waren die Vernichtungslager. Für die Todestransporte kassierte die Reichsbahn Millionensummen”. In dem Flyer wird die Freigabe der Bahnhöfe für das Gedenken an die Deportationsopfer gefordert. An den Verkehrsminister wird appelliert, das Gedenken “endlich durchzusetzen, statt es in Museen oder Geschichtsinstitute zu verschieben.”
Den doppelseitigen Volltext veröffentlichen wir hier !
Bestellungen richten Sie bitte an
(bis kommenden Freitag). Je 100 Flyer kosten 2,80 Euro plus Versand. Die Auslieferung erfolgt bis spätestens 7. November.
Elftausend Kinder
22 October 2006 at 19:00 | In Elftausend Kinder | No CommentsWiderwärtig
22.10.2006BERLIN/PARIS/NEW YORK/OSWIECEM (Eigener Bericht) - Zwischen dem Bundesminister für Verkehr, Wolfgang Tiefensee, und dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG, Hartmut Mehdorn, ist es zu einem persönlichen Eklat gekommen. Tiefensee verließ eine gemeinsame Besprechung, als sich Mehdorn trotz wiederholten Drängens kategorisch weigerte, die deutschen Bahnhöfe für das Gedenken an die internationalen Opfer der NS-Deportationsverbrechen zu öffnen. Eine Foto-Ausstellung über mehrere Tausend Kinder, die mit der Deutschen Reichsbahn in den Tod geschickt wurden, werde er auf den deutschen Bahnhöfen zu verhindern wissen, heißt es über Mehdorn aus Teilnehmerkreisen. Die Ausstellung wurde von der französischen Opferorganisation “Fils et Filles des Déportés Juifs de France” (FFDJF/Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs) zusammengestellt und ist in den vergangenen Jahren über 18 französische Bahnhöfe gewandert. Teile der Ausstellung sind in Museen in Polen, den USA und Israel zu sehen. Gegen die Weigerung des deutschen Bahnchefs protestieren deutsche und internationale Organisationen und rufen für Anfang November zu massiven Aktionen auf. Um dem öffentlichen Druck zu entgehen, kündigt Mehdorn in einem heute erscheinenenden Zeitungs-Interview an, er werde für eine eigene Ausstellung sorgen - außerhalb der Bahnhöfe. Das Interview enthält schwere Beleidigungen, wonach FFDJF (die französische Opferorganisation um Beate Klarsfeld) den Holocaust unangemessen darstellen wolle.
Der Eklat zwischen Minister Tiefensee und Bahnchef Mehdorn ereignete sich nach monatelangen Bemühungen des Verkehrsressorts der Berliner Regierung, das den internationalen Forderungen nachgeben wollte. Geplant war, die Ausstellung über elftausend jüdische Kinder und deren Reichsbahn-Deportation in die Vernichtungslager (1942-1944) im Lichthof des Berliner Ministeriums zu eröffnen und anschließend über eine begrenzte Zahl deutscher Bahnhöfe wandern zu lassen.[1] Mit diesem Konzept hatten sich die Kuratoren der Ausstellung (FFDJF, Beate und Serge Klarsfeld, Paris) grundsätzlich einverstanden erklärt. Auch die deutsche “Initiative Elftausend Kinder”, die seit über zwei Jahren für die Übernahme der Ausstellung eintritt, unterstützte den Kompromiss. Gesprächen im Berliner Ministerium, die konkreten Einzelheiten der Wanderausstellung gelten sollten, blieb die Bahn AG trotz offizieller Einladungen mehrfach fern.[2] Damit brüskierte der Bahnvorsitzende Mehdorn, der die Verhinderung des geforderten Gedenkens zur Chefsache erklärt hat, nicht nur die aus Paris angereiste Opferorganisation, sondern ebenso den Minister.
Brutal
Nachdem Mehdorn auch das vorerst letzte Treffen im Berliner Ministerium platzen ließ [3], hieß es aus Teilnehmerkreisen Ende September, binnen weniger Wochen werde Tiefensee für eine politische Klärung sorgen und den Bahnchef zu einem Kompromiss veranlassen. Doch statt des erwarteten Kompromisses kam es zu einem Eklat: Als Mehdorn die Ausstellungs-Erinnerung an elftausend deportierte Kinder auf deutschen Personenbahnhöfen erneut und kategorisch ablehnte, verließ der Minister den Raum. “Er hat auf Äußerungen reagiert, die man als brutal verstehen kann”, erfährt diese Redaktion von Bundestagsabgeordneten über Tiefensee und den Anlass seiner Empörung.Ruhig stellen
Da der “Spiegel” in seiner morgigen Ausgabe über den Eklat berichten wollte, hatte der Bahnchef entsprechende Reaktionen zu befürchten. Um Negativmeldungen zuvorzukommen, gab Mehdorn der “Welt” ein Interview, das in der heutigen Sonntagsausgabe des Springer-Blattes erscheint. Darin kündigt Mehdorn an, er werde eine eigene Ausstellung erarbeiten und “durch Deutschland wandern (…) lassen” [4] - außerhalb der Bahnhöfe. Mehdorn bezieht sich auf Exponate, die in einem Bahnmuseum in Nürnberg zu sehen sind und das Schicksal der elftausend Kinder nicht erwähnen. Diese Ausstellung werde man “mit Experten auf den neuesten Forschungsstand bringen” und “die Schicksale der Opfer des Massenmordes stärker herausstellen”, heißt es in dem “Welt”-Interview. Bereits im Frühjahr hatte der Pressesprecher der Bahn AG wissen lassen, man verschließe sich dem Gedenken nicht und wolle an die Deportationsopfer erinnern.[5] Die Ankündigung wurde nach empörten Nachfragen aus dem Deutschen Bundestag verbreitet und blieb folgenlos. Wie damals versucht die Bahn AG auch mit dem heutigen “Welt”-Interview, die Öffentlichkeit ruhig zu stellen.Wider besseres Wissen
Mehdorn, Vorstandsvorsitzender der Bahn AG und zum Zeitpunkt der Reichsbahn-Deportationen geboren, greift in dem Zeitungs-Interview die Nachkommen der Opfer und Kuratoren der französischen Gedächtnis-Ausstellung über die elftausend jüdischen Kinder rücksichtslos an. Der Kuratorin Beate Klarsfeld schwebe offensichtlich vor, den Holocaust “nicht angemessen” [6] darstellen zu wollen, äußert Mehdorn über das Ausstellungs-Konzept, das auf 18 französischen Bahnhöfen über mehrere Jahre geprüft werden konnte - mit großem Erfolg. Die Ausstellung zeigt Familienfotos der Kinder und letzte Briefe, die sie aus den Deportationszügen warfen. Trotz einer äußerst sensiblen Präsentation, die auf Todesdarstellungen bewusst verzichtet und dem Reisepublikum die lebendige Erinnerung an lachende Schulkinder oder jugendliche Ausflügler näher bringen will, behauptet Mehdorn in dem Zeitungs-Interview, Frau Klarsfeld wolle “nach der Methode ‘Shock and go’” vorgehen. Die Behauptung erfolgt wider besseres Wissen. Dem Bahnchef wurden mehrmals Kataloge mit Exponaten aus der französischen Ausstellung übergeben.[7]Unredlichkeit
“Ich habe der Bahn AG zu Händen von Herrn Mehdorn wiederholt Fotos der Kinder zukommen lassen”, bestätigt Beate Klarsfeld auf Anfrage von german-foreign-policy.com. “Über die Darstellung der Kinder derart herablassend zu reden, über die Fotos, die nichts Grauenhaftes, sondern erwartungsvolle Kindergesichter zeigen, das zeugt von Unredlichkeit. Erst hieß es, die Bahn AG habe für die Ausstellung kein Geld und jetzt will Herr Mehdorn den Opferfamilien erzählen, sie würden an ihre ermordeten Kinder nicht angemessen erinnern wollen. Und das aus dem Munde eines Mannes, dessen Familie überleben durfte. Das ist widerwärtig.”Verborgen bleiben
Auf die Interview-Behauptung Mehdorns, das “Thema” sei “viel zu ernst”, als dass sich Bahnreisende “Brötchen kauend und in Eile auf dem Weg zum Zug damit beschäftigen” [8] könnten, antwortet Frau Klarsfeld: “Brötchen kauend und in Eile auf dem Weg zum Zug befanden sich Tausende Deutsche, als die Reichsbahnwaggons durch die Bahnhöfe rollten, in die Vernichtungslager. Das war Alltag. Die Gesichter der elftausend Kinder, hinter den Verschlägen der Viehwagen, waren damals auf den Bahnhöfen nicht zu sehen. Auch heute sollen diese Gesichter in den Bahnhöfen, dort, wo die Kinder deportiert wurden, besser verborgen bleiben - geht es nach Herrn Mehdorn.”Internationaler Skandal
Die deutsche “Initiative Elftausend Kinder”, die die französische Ausstellung seit zwei Jahren mit Gedenkveranstaltungen auf zahlreichen Publikumsbahnhöfen unterstützt, kündigt für die kommenden Wochen massive Proteste an. In mehreren Städten werden Aktionen anlässlich der diesjährigen Wiederkehr des Massenpogroms vom 9. November 1938 vorbereit. “Der Eklat bestätigt unsere schlimmsten Befürchtungen”, sagt Tatjana Engel von der bundesweiten Initiative auf Anfrage dieser Redaktion. “Die Bahnspitze hat die öffentliche Erinnerung mit immer neuen Schutzbehauptungen hinausgezögert. Sie versucht es erneut und legt sich dabei auch mit den politischen Instanzen an. Da das Verkehrsministerium und der Bundestag offenbar über keinerlei ausreichenden Einfluss verfügen, werden wir unsere Proteste verstärkt fortsetzen. Die Opfer gehörten fast sämtlichen europäischen Nationen an. Die Verweigerung des Gedenkens ist zu einem internationalen Skandal geworden.”Bitte beachten Sie unsere ausführlichen Berichte im EXTRA-Dossier Elftausend Kinder - Mit der Reichsbahn in den Tod
[1] s. dazu unser EXTRA-Dossier 11.000 Kinder
[2] s. dazu Zeitgewinn
[3] s. dazu Notfalls erzwingen
[4] Bahnchef Mehdorn lehnt Holocaust-Ausstellung in Bahnhöfen ab; dpa 21.10.2006
[5] s. dazu Taktischer Wechsel
[6] Bahnchef Mehdorn lehnt Holocaust-Ausstellung in Bahnhöfen ab; dpa 21.10.2006
[7] Fotos aus der französischen Gedächtnis-Ausstellung finden Sie in unserem EXTRA-Dossier “Elftausend Kinder” im Bereich Ausstellung.
[8] Bahnchef Mehdorn lehnt Holocaust-Ausstellung in Bahnhöfen ab; dpa 21.10.2006
Elftausend Kinder
6 October 2006 at 11:55 | In Aktionen, Elftausend Kinder | No CommentsBoykott durchbrechen
06.10.2006BERLIN/KARLSRUHE/JENA/PARIS (Eigener Bericht) - Auf einer Aktionskonferenz haben deutsche Initiativgruppen Gedenkveranstaltungen für die Deportationsopfer der Deutschen Reichsbahn beschlossen. Insgesamt drei Millionen Menschen aus fast sämtlichen Staaten Europas waren während der deutschen NS-Herrschaft auf dem Schienenweg in Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt worden. Unter ihnen befanden sich auch elftausend jüdische Kinder aus Frankreich. Bis heute weigert sich die Berliner Bahn AG, das Nachfolgeunternehmen der Deutschen Reichsbahn, auf den Bahnhöfen der früheren Todestransporte Gedenkausstellungen zuzulassen. Wie das milliardenschwere Unternehmen behauptet, fehlten ihm dafür die finanziellen Mittel. Die Teilnehmer der Frankfurter Aktionskonferenz rufen zu bundesweiten Veranstaltungen im Umfeld des 9. November (Reichspogromnacht) auf. Dabei werde man die Bahnreisenden nicht nur an den Knotenpunkten der früheren Todestransporte, sondern auch auf den Deportationsstrecken umfassend informieren, teilen die Initiatoren mit. Auch an grenzüberschreitende Zugläufe sei gedacht. german-foreign-policy.com veröffentlicht Namen und deutsche Herkunftsorte deportierter Kinder.
Aktionen zu Ehren der verschleppten Reichsbahn-Opfer kündigen Initiativen in den Regionen Hamburg, Köln, Frankfurt am Main, Mannheim, Karlsruhe, Weimar und Leipzig an. Demonstrationen und Veranstaltungen sollen im Umfeld des 9. November stattfinden und an die ersten Massendeportationen auf dem deutschen Schienennetz im Jahr 1938 erinnern. Damals folgten den Brandschatzungen jüdischen Eigentums Verhaftungen und Internierungen hunderter Deutscher, die der Ethno-Ordnung der Berliner Regierung anheim fielen oder politisch missliebig waren. Sie wurden von der Reichsbahn in Konzentrationslager verbracht.In Viehwaggons
Auf die Deportationserfahrungen des November 1938 konnte die Deutsche Reichsbahn zurückgreifen, als sie wenige Jahre später zum größten Logistiker der NS-Massenverbrechen wurde. Beispielhaft und für die Skrupellosigkeit der deutschen Politik kennzeichnend sind die Bahn-Deportationen jüdischer Kinder aus Frankreich. Ihre letzte Reise führte über das zentrale deutsche Schienennetz. Für die Todesfahrten ließ sich die Deutsche Reichsbahn Personenentgelte zahlen.[1] Unter den etwa elftausend Deportierten waren über 600 Kinder deutscher und österreichischer Emigranten. Auf dem Weg in die Vernichtungslager fuhren viele von ihnen durch die Bahnhöfe ihrer Heimatorte - in Viehwaggons.Bündnisse
Deportationsprotokolle, die der französische Historiker Serge Klarsfeld in mehrjähriger Arbeit rekonstruierte, erlauben eine genaue Identifizierung der Opfer. Die Initiativgruppen halten entsprechende Namenslisten bereit, aus denen die deutsche Herkunft der verschleppten Kinder hervorgeht. Neben großstädtischen Zentren (Berlin, Frankfurt am Main, Leipzig u.a.) werden auch Mittel- und Kleinstädte als Ausgangspunkte der Todesodyssee genannt, so Bonn, Darmstadt, Duisburg, Hachenburg, Plauen, Rust, Tiengen oder Worms. Die Initiativgruppen rufen dazu auf, in diesen und anderen Orten lokale Bündnisse einzugehen, um die Bahn-Reisenden im Umfeld des 9. November an das namentlich bekannte Schicksal der Verschleppten zu erinnern.Umwidmung
Die bereits tätigen Initiativen haben angekündigt, zu unterschiedlichen Aktionsformen zu greifen, die ihren jeweiligen Möglichkeiten entsprechen. So werden an einigen Orten Führungen stattfinden, um die Deportationslogistik der früheren Reichsbahn an weiter bestehenden Einrichtungen der heutigen Bahn AG nachzuvollziehen. Andere Initiativen wollen Reisende durch Filmvorführungen informieren oder planen die Umwidmung heutiger Bahnbezeichnungen, um Namen der Deportationsopfer zu ehren. Da die Todeszüge grenzüberschreitend verkehrten, werden die Ehrungen auch benachbarte Regionen einbeziehen, heißt es bei der Initiative Elftausend Kinder. Bündnisse, die im Umkreis des diesjährigen 9. November erstmalig an die Ermordeten erinnern wollen, werden aufgerufen, mit Fotos der Kinder oder Kunstinstallationen in den jeweiligen Bahnhofsbereichen zu informieren.Exponate
Die von der Deutschen Bahn AG verweigerten Ausstellungen auf den Personenbahnhöfen werden inzwischen von städtischen Einrichtungen in der gesamten Bundesrepublik eingeladen - in einer reduzierten und mit Eigenmitteln ausgestalteten Version. Neben Leipzig [2] haben Veranstalter in Potsdam, Pforzheim, Eutin und Delmenhorst angefragt, ob eine leihweise Präsentation der Exponate möglich ist. Bei den Ausstellungsgegenständen handelt es sich vor allem um Fotos und letzte Briefe der Kinder, die sie auf die Gleise der Deutschen Reichsbahn warfen. Wegen der Kosten für die inhaltliche Aktualisierung und den Transport der Ausstellung ist eine Ausweitung des bundesweiten Umlaufs gegenwärtig unmöglich. Die Initiativen hoffen, dass die reduzierte Ausstellungsversion die eigentliche Bahnhofsausstellung flankieren und überall dort zu sehen sein wird, wo die Bahnhofsausstellung nicht aufgebaut werden kann.Vorbereitet
Ob es zur Erinnerung an die elftausend Kinder und alle anderen Bahndeportierten durch einvernehmliche Absprachen mit der Bahn AG kommt, ist weiter ungewiss.[3] Entsprechende Bemühungen des Bundesministers für Verkehr gingen bisher ins Leere. “Wir sind darauf vorbereitet, den Erinnerungsboykott zu durchbrechen und die Kinder im November zu ehren”, heißt es bei den bundesweiten Initiativen auf Anfrage dieser Redaktion.Bitte lesen Sie eine Auswahl der Namen und deutschen Herkunftsorte von Kindern, die von der Reichsbahn in die Vernichtungslager deportiert wurden.
Lesen Sie auch unser EXTRA-Dossier Elftausend Kinder.
[1] s. dazu Dritter Klasse und Konzernspitze der Bahn AG: Unversöhnlich
[2] s. dazu Einstimmig angenommen und Interview mit Dr. Georg Girardet
[3] s. dazu Notfalls erzwingen
Elftausend Kinder
3 October 2006 at 12:58 | In Aktionen, Elftausend Kinder | No CommentsNotfalls erzwingen
28.09.2006BERLIN/LEIPZIG/PARIS/OSWIECIM (Eigener Bericht) - Initiativgruppen aus mehr als zehn deutschen Städten kündigen der Berliner Bahn AG die kompromisslose Durchsetzung des Gedenkens an elftausend deportierte Kinder an. “Der Bahnvorstand ist zu einem verabredeten Treffen im Verkehrsministerium erneut nicht erschienen - zum zweiten Mal. Den fortgesetzten Boykott einer öffentlichen Ausstellung über die jüdischen Deportierten wird Herr Dr. Mehdorn nicht lange aufrecht erhalten können”, heißt es auf Anfrage dieser Redaktion bei der bundesweiten Initiative “Elftausend Kinder”. “Dafür werden wir mit unseren Aktivitäten auf den deutschen Bahnhöfen sorgen”. Vertreter der Initiative und der Pariser Organisation “Fils et Filles des Déportés Juifs de France” (FFDJF) waren am Dienstag dieser Woche nach Berlin gereist, um im Verkehrsministerium Gespräche über die Präsentation von Bildern der Deportierten auf mehreren deutschen Bahnhöfen zu führen - vergeblich. Die Bahn AG blieb dem Treffen fern. Noch vor Bekanntwerden des erneuten Boykotts forderten sämtliche Fraktionen des Leipziger Stadtrats die Öffnung des dortigen Hauptbahnhofs für das Gedenken an die deportierten Kinder. Unter ihnen befanden sich mehrere hundert Kinder deutscher und österreichischer Emigranten. Aktionsgruppen an der früheren Deportationsstrecke in Sachsen-Anhalt und Sachsen teilen mit, dass sie das öffentliche Gedenken auf den Bahnhöfen notfalls erzwingen werden. german-foreign-policy.com veröffentlicht den Wortlaut der Leipziger Abstimmungsinitiative und ein Interview mit Dr. Georg Girardet, Leipziger Bürgermeister und Beigeordneter für Kultur.
Die in Berlin gescheiterten Gespräche waren auf Einladung des Verkehrsministeirum angesetzt worden und sollten die Bahn AG bewegen, das öffentliche Gedenken an die deportierten Kinder, aber auch an alle anderen Opfer der Reichsbahn-Verbrechen, auf den deutschen Reisebahnhöfen zu ermöglichen.[1] Obwohl eine entsprechende Ausstellung mit Fotos und Dokumenten der Deportierten auf über 18 Bahnhöfen der französischen Staatsbahn SNCF gezeigt werden konnte, weigert sich der deutsche Bahnvorstand seit zwei Jahren, diese Exponate dem Reisepublikum in der Bundesrepublik zugänglich zu machen. Angeblich fehlen dem milliardenschweren Unternehmen die notwendigen finanziellen Mittel, um die Ausstellung auszurichten und gegen Übergriffe zu sichern.[2]
Druck
Gegen das Gedenkverbot hatten in der Vergangenheit immer wieder Bürgerinitiativen protestiert und auf zahlreichen deutschen Bahnhöfen nichtgenehmigte Versammlungen abgehalten. Zu den Demonstrationen waren auch französische Opfer der deutschen Massendeportationen angereist [3], darunter Serge Klarsfeld, Präsident der FFDJF, und Beate Klarsfeld, Kuratorin der Ausstellung über die elftausend Kinder. Über 400 Persönlichkeiten und Organisationen verlangen in einem Offenen Brief die Freigabe der Bahnhöfe.[4] Nachdem die Proteste zu in- und ausländischen Pressenachfragen führten, schaltete sich das Berliner Verkehrsministerium unter Minister Wolfgang Tiefensee ein. In einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen forderte Tiefensee (SPD) von Bahnchef Mehdorn im Frühjahr, den Boykott der Ausstellungsinitiative aufzugeben.[5] Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland schloss sich an. Schließlich verlangten Bundestagsabgeordnete von SPD, Die Linke.PDS sowie CDU ein Ende des Gedenkverbots. Die Bundesregierung erklärte, sie begrüße das Gedenken. Anfang Juli schien es, als ob Mehdorn dem Druck nachgeben müsste - im Verkehrsministerium wurde zu mehrseitigen Gesprächen geladen.Leer
Doch die Bahn AG erschien nicht und lehnte Kontakte mit den Opferorganisationen weiter ab. Wie das Verkehrsministerium damals mitteilte, hätte eine plötzliche Terminabsage des Zentralrats der Juden die Verschiebung des Treffens erfordert. Beate Klarsfeld (FFDJF/Paris) und die Vertreter der deutschen Initiative mussten unverrichteter Dinge abreisen.[6] Seitdem unterbreiteten die Initiatoren dem Ministerium insgesamt sechs neue Terminangebote, darunter das Angebot, am vergangenen Dienstag in Berlin mit den übrigen Beteiligten zusammenzutreffen. Das Ministerium bestätigte diesen Termin und lud für 15.00 Uhr zu den immer wieder verschobenen Gesprächen ein - erneut blieb die Bahn AG dem Treffen fern. Der Platz des vom Bahnvorstand beauftragten Bevollmächtigten (Herrmann Graf von der Schulenberg) blieb leer. Eine zeitnahe Realisierung der Ausstellung, die inzwischen von Stadtverwaltungen und öffentlichen Einrichtungen in mindestens sechs deutschen Städten angefordert wird, wird unmöglich gemacht.Angemessen
In einer Pressemitteilung protestieren die deutschen Initiativen gegen die seit zwei Jahren fortdauernde Verschleppung des öffentlichen Gedenkens. “Der Boykott einer einfachen Fotoausstellung, die nichts mehr will, als auf den Bahnhöfen der letzten Reise dieser Kinder an ihr Schicksal zu erinnern, wirft ein Schlaglicht auf den politischen Zustand der Bundesrepublik” [7], heißt es in einer Stellungnahme von Frau Prof. Dr. Gudrun Hentges. Die erneute Weigerung der Bahn AG stelle eine Eskalation dar, auf die man angemessen antworten werde - “überall dort, wo die Deportierten ihre letzte Reise antreten mussten”, ergänzt der Pressesprecher der Initiativen. “Der Boykott der Bahn AG wird uns nicht davon abhalten, das Gedenken gegen alle Widerstände durchsetzen - auf den Bahnhöfen und entlang der Todesstrecken.”Ohne Gegenstimmen
Die Aktivitäten der überparteilichen deutschen Initiativen und der Pariser Organisation FFDJF finden u.a. im Rat der Stadt Leipzig Unterstützung. Dort erinnerte Dr. Volker Külow (Die Linke.PDS) jetzt an das Schicksal mehrerer Leipziger Kinder, die den Todestransporten angehörten und ihren letzten Weg über die Leipziger Gleise der Deutschen Reichsbahn nahmen - nach Auschwitz. Der heutige Bahnvorstand habe “über viele Jahre” versucht, “die Erinnerung an die Deportationen mit billigen Ausflüchten zu verhindern” [8], sagte Külow im Stadtrat. “Die Ausstellung wäre (…) ein deutliches Zeichen im weiteren Kampf gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkleit und Rassismus.” Külows Forderung, die vom Bahnvorstand boykottierten Exponate in den Leipziger Hauptbahnhof zu holen, schlossen sich sämtliche Fraktionen an - ohne Gegenstimmen.Stark
In einem Interview mit dieser Redaktion macht sich Dr. Georg Girardet (FDP), Leipziger Bürgermeister und Kulturbeauftragter der Stadt, für eine Verbreitung der Ausstellung in Sachsen und Sachsen-Anhalt stark. “Sollte unsere Initiative hier in Leipzig positiv ausgehen, was ich sehr hoffe, dann fände ich es richtig, wenn auch in den Nachbarstädten Ähnliches auf den Weg gebracht würde.”Bitte lesen Sie das vollständige Interview mit Dr. Georg Girardet
Den Wortlaut der Rede von Dr. Volker Külow finden Sie hier.
Unser EXTRA-Dossier Elftausend Kinder informiert ausführlich über das geforderte Gedenken.
[1] Lesen Sie dazu unser EXTRA-Dossier Elftausend Kinder
[2] s. dazu Elftausend Kinder
[3] Näheres über die Veranstaltungen finden Sie hier.
[4] Lesen Sie dazu den Offenen Brief.
[5] Interview mit Wolfgang Tiefensee: Die Bahn sollte ihre Bedenken zurückstellen; Jüdische Allgemeine 30.03.2006
[6] s. dazu das Interview mit Prof. Dr. Gudrun Hentges
[7] Pressemitteilung vom 27.09.2006
[8] Rede von Dr. Volker Külow im Rat der Stadt Leipzig, 20.09.2006; den vollständigen Wortlaut finden Sie hier.
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