Ich verstehe, vor allem junge, Menschen, die in Rekordzeit zum Judentum übertreten wollen. Gerade in der Jugend ist man nicht gewillt viel Zeit zu investieren. Alles soll schnell und problemlos gehen. Gerade in der Jugend machen Menschen aber die Erfahrung, das nicht alles schnell und problemlos funktioniert. Da entsteht dann Frust und aus der Ernüchterung kann Wut erwachsen.
Der Übertritt zum Judentum ist ein Prozess. Dieser Prozess braucht Zeit. Dieser Prozess ist, nicht nur unter Rabbinern, ein heisses Eisen. Ein verantwortungsvoller Rabbiner wird seine Gijur Kandidaten sehr genau auswählen. Die Zeit vor der „Auserwählung“ bemisst sich manchmal nach Jahren. Mit viel Glück sprechen wir über Monate.
Wenn dieser Teil des Weges abgeschlossen ist, beginnt ein langes Lernen und eine lange Phase, der Bewährung. Das stösst in der nichtjüdischen (manchmal auch in der jüdischen) Mitwelt auf Unverständnis. Warum dauert das alles so lange?
Die Antwort lautet: Die jüdischen Gemeinden haben (zu) viel gelernt was Übertritte angeht. Nicht immer waren die Übertritte, damals zum Christentum, freiwillig. Sehr oft war Zwang hinter den Übertritten, oftmals auch Gefahr für Leib und Leben. „Kreuz oder Tod“ war damals die Parole. In einigen Ländern der Welt heisst es heute „Allah oder Tod“. Diese Erfahrung der Zwangskonversion, der Versuch das Judentum vollständig zu assimilieren, hat sich im jüdischen Gedächtnis festgesetzt.
Das Judentum ist keine Religion, die missioniert. Der Kandidat/die Kandidatin muss schon den eisernen Willen haben, überzutreten. Ein langer Atem ist nötig. Diesen Atem findet der Mensch vermutlich nur im Vertrauen auf Gott.
Das Judentum ist keine Religion, die missioniert. Das finde ich gut. In einer Welt der (religiösen) Beliebigkeit werden hohe Anforderungen gestellt. Es geht nicht um Beliebigkeit. Es geht um das ganze, konkrete, Leben. Es geht darum, Regeln der Halacha umzusetzen, auch wenn man diese Regeln nicht versteht. Für einen durchschnittlichen Mitteleuropäer ist das schwer zu akzeptieren. Die Lebenshaltung „alles geht“ spricht gegen diese Erfahrung.
Aber geht wirklich alles? Oder geben wir uns einer Illusion hin? Wenn alles geht, wo bleiben dann Werte? Wenn alles geht, wozu die Anstrengung?
Im Falle des Übertritts zum Judentum zeigt sich, das nicht alles geht. Natürlich ist es möglich, zum Judentum überzutreten. Aber bevor das gelingt, ist ein weiter und schwieriger Weg zu gehen. Das ist gut so.
Ein Übertritt zu einer anderen Religion ist nicht zu vergleichen mit dem Wechsel der Autofarbe oder mit dem Kauf eines Notebooks. Mit dem Übertritt, wenn es denn ernst gemeint ist, ändert sich das komplette Leben. Neue Regeln, neue Sprache, neue Anforderungen.
Wenn sich, nach dem Übertritt, nichts im Leben ändert, war der Gijur nichts als Heuchelei. Das Problem ist leicht zu beschreiben: Der Übertritt kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Einen Austritt, wie bei den christlichen Kirchen, gibt es im Judentum nicht. Ein inneres Exil ist zwar möglich. Aber warum ist der Mensch dann den langen Weg gegangen?
Diese Problematik ist verantwortungsvollen Rabbinern bewusst. Deshalb die Vorsicht. Eine Vorsicht nicht aus Bösartigkeit. Sondern eine Vorsicht aus Mitmenschlichkeit. Der Rabbiner weiss, was auf den Gijur-Kandidaten zukommt. Deshalb wird ein verantwortungsbewusster Rabbiner sehr vorsichtig sein. Vorsichtig, um einen Menschen vor einem zu schnellen Übertritt, vor einer zu schnellen Entscheidung mit lebenslangen Folgen, zu bewahren.
Werden Menschen, durch den Übertritt zum Judentum, glücklicher? Ich weiss es nicht. Ich kenne leider einige Menschen, bei denen das nicht zutrifft. Charaktereigenschaften ändern sich nicht dadurch, dass eine Religion gewechselt wird. Einige Proselyten sind für die jüdischen Gemeinden schwer zu ertragen. 100 % – Prozentigkeit kann ganz schön anstrengend sein.
Ich kann nur dazu raten, sich Zeit mit dem Übertritt zum Judentum zu lassen. Ich denke, es wird seinen Grund haben, wenn der Rabbiner einen Menschen „ablehnt“, der zum Judentum übertreten will. Das ist kein Ablehnen des Menschen. Vielmehr ist es eine Achtung vor dem Menschen, wenn ein Rabbiner nicht jeden Übertrittswilligen annimmt.
Vielleicht braucht es einfach noch Zeit, um den Prozess abzuschliessen. Vielleicht ist der Vorsatz überzutreten, nur eine Zeiterscheinung?
G“tt wird uns nicht danach beurteilen, welche Religion wir ausgeübt haben. Im Jüdischen sagt man, wenn etwas besonders gutes über einen Mitmenschen gesagt werden soll: „Er war ein Mensch.“ Damit ist alles gesagt. Auf der Erde und im Himmel.
Verfasst von grenzgaenge 
