Übertritt zum Judentum – ein Wettlauf ?

5. April 2012

Ich verstehe, vor allem junge, Menschen, die in Rekordzeit zum Judentum übertreten wollen. Gerade in der Jugend ist man nicht gewillt viel Zeit zu investieren. Alles soll schnell und problemlos gehen. Gerade in der Jugend machen Menschen aber die Erfahrung, das nicht alles schnell und problemlos funktioniert. Da entsteht dann Frust und aus der Ernüchterung kann Wut erwachsen.

Der Übertritt zum Judentum ist ein Prozess. Dieser Prozess braucht Zeit. Dieser Prozess ist, nicht nur unter Rabbinern, ein heisses Eisen. Ein verantwortungsvoller Rabbiner wird seine Gijur Kandidaten sehr genau auswählen. Die Zeit vor der „Auserwählung“ bemisst sich manchmal nach Jahren. Mit viel Glück sprechen wir über Monate.

Wenn dieser Teil des Weges abgeschlossen ist, beginnt ein langes Lernen und eine lange Phase, der Bewährung. Das stösst in der nichtjüdischen (manchmal auch in der jüdischen) Mitwelt auf Unverständnis. Warum dauert das alles so lange?

Die Antwort lautet: Die jüdischen Gemeinden haben (zu) viel gelernt was Übertritte angeht. Nicht immer waren die Übertritte, damals zum Christentum, freiwillig. Sehr oft war Zwang hinter den Übertritten, oftmals auch Gefahr für Leib und Leben. „Kreuz oder Tod“ war damals die Parole. In einigen Ländern der Welt heisst es heute „Allah oder Tod“. Diese Erfahrung der Zwangskonversion, der Versuch das Judentum vollständig zu assimilieren, hat sich im jüdischen Gedächtnis festgesetzt.

Das Judentum ist keine Religion, die missioniert. Der Kandidat/die Kandidatin muss schon den eisernen Willen haben, überzutreten. Ein langer Atem ist nötig. Diesen Atem findet der Mensch vermutlich nur im Vertrauen auf Gott.

Das Judentum ist keine Religion, die missioniert. Das finde ich gut. In einer Welt der (religiösen) Beliebigkeit werden hohe Anforderungen gestellt. Es geht nicht um Beliebigkeit. Es geht um das ganze, konkrete, Leben. Es geht darum, Regeln der Halacha umzusetzen, auch wenn man diese Regeln nicht versteht. Für einen durchschnittlichen Mitteleuropäer ist das schwer zu akzeptieren. Die Lebenshaltung „alles geht“ spricht gegen diese Erfahrung.

Aber geht wirklich alles? Oder geben wir uns einer Illusion hin? Wenn alles geht, wo bleiben dann Werte? Wenn alles geht, wozu die Anstrengung?

Im Falle des Übertritts zum Judentum zeigt sich, das nicht alles geht. Natürlich ist es möglich, zum Judentum überzutreten. Aber bevor das gelingt, ist ein weiter und schwieriger Weg zu gehen. Das ist gut so.

Ein Übertritt zu einer anderen Religion ist nicht zu vergleichen mit dem Wechsel der Autofarbe oder mit dem Kauf eines Notebooks. Mit dem Übertritt, wenn es denn ernst gemeint ist, ändert sich das komplette Leben. Neue Regeln, neue Sprache, neue Anforderungen.

Wenn sich, nach dem Übertritt, nichts im Leben ändert, war der Gijur nichts als Heuchelei. Das Problem ist leicht zu beschreiben: Der Übertritt kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Einen Austritt, wie bei den christlichen Kirchen, gibt es im Judentum nicht. Ein inneres Exil ist zwar möglich. Aber warum ist der Mensch dann den langen Weg gegangen?

Diese Problematik ist verantwortungsvollen Rabbinern bewusst. Deshalb die Vorsicht. Eine Vorsicht nicht aus Bösartigkeit. Sondern eine Vorsicht aus Mitmenschlichkeit. Der Rabbiner weiss, was auf den Gijur-Kandidaten zukommt. Deshalb wird ein verantwortungsbewusster Rabbiner sehr vorsichtig sein. Vorsichtig, um einen Menschen vor einem zu schnellen Übertritt, vor einer zu schnellen Entscheidung mit lebenslangen Folgen, zu bewahren.

Werden Menschen, durch den Übertritt zum Judentum, glücklicher? Ich weiss es nicht. Ich kenne leider einige Menschen, bei denen das nicht zutrifft. Charaktereigenschaften ändern sich nicht dadurch, dass eine Religion gewechselt wird. Einige Proselyten sind für die jüdischen Gemeinden schwer zu ertragen. 100 % – Prozentigkeit kann ganz schön anstrengend sein.

Ich kann nur dazu raten, sich Zeit mit dem Übertritt zum Judentum zu lassen. Ich denke, es wird seinen Grund haben, wenn der Rabbiner einen Menschen „ablehnt“, der zum Judentum übertreten will. Das ist kein Ablehnen des Menschen. Vielmehr ist es eine Achtung vor dem Menschen, wenn ein Rabbiner nicht jeden Übertrittswilligen annimmt.

Vielleicht braucht es einfach noch Zeit, um den Prozess abzuschliessen. Vielleicht ist der Vorsatz überzutreten, nur eine Zeiterscheinung?

G“tt wird uns nicht danach beurteilen, welche Religion wir ausgeübt haben. Im Jüdischen sagt man, wenn etwas besonders gutes über einen Mitmenschen gesagt werden soll: „Er war ein Mensch.“ Damit ist alles gesagt. Auf der Erde und im Himmel.


Keine Konvertiten, bitte ?

12. Dezember 2011

Judentum und Christentum haben gemeinsame Wurzeln. Genau genommen handelt es sich beim Christentum um einen Zweig, der aus dem Baum des Judentums hervorgegangen ist. Leider erinnert sich der Zweig nur selten und verschämt an seine Mutter. Das liegt sicherlich an der blutigen Geschichte, die den Zweig von seiner Mutter getrennt hat. Und doch lassen sich die Wurzeln nicht einfach entfernen. Die eigene Geschichte, die Tradition, die Familie der Mutter bleibt erhalten. Nach jüdischer Tradition ist das Kind einer jüdischen Mutter Jude bzw. Jüdin. Das heisst für unser Bild: Der Zweig Christentum wird immer jüdisch bleiben. Auch wenn der Zweig  lieber eine andere Identität haben möchte und seine Geschichte, viel zu oft, vergisst oder vergessen will.

Einer der grossen Unterschiede zwischen Christentum und Judentum liegt darin das im Judentum nicht missioniert wird. Es ist nicht das Ziel des Judentums möglichst viele Konvertiten zu gewinnen. Es geht um Tradition, es geht um Deutung, es geht nicht zuletzt auch um rabbinische Entscheide (Responsen). Aber es geht dem Judentum nicht um Masse.

Sicherlich hat diese Tatsache auch geschichtliche Gründe. Der christliche Antijudaismus hat eine schreckliche Tradition. Die Blutspur der fehlgeleiteten Christen zieht sich durch Europa und darüber hinaus. Die Stationen der Bekehrungskreuzzüge aufzuzählen würde ein eigenes Weblog erfordern. In jeder dieser Stationen sind Menschen gejagt, vergewaltigt, ermordet, worden, nur weil sie jüdisch waren. Hier liegen die Wurzeln des Holocaust. Aus dieser Erfahrung heraus ist das Judentum sehr zurückhaltend, was die Aufnahme von Konvertiten angeht.

Es ist nicht unmöglich zu konvertieren. Aber es ist auch nicht einfach. Eine Unterschrift und das Zahlen der Kirchensteuer reichen nicht aus. Um zum Judentum zu konvertieren, braucht es viele Stunden des Lernens und viele Besuche beim Rabbiner. Ob die Konvertiten in der Gemeinde freundlich aufgenommen und akzeptiert werden, ist dann noch eine andere Frage. Gerade religiöse Jüdinnen und Juden haben wenig Probleme damit, den „Zuwachs von aussen“ anzunehmen. Ist es verwunderlich das die meisten meiner jüdischen Freundinnen und Freunde sehr religiös sind? Ist es weiter verwunderlich das mein Weg zu anderen religiösen Menschen kürzer, ist als zu Atheisten? Der Glaube an den Baum G“tt, an die Mutter des einen G“ttes, verbindet. Über alle Schicksale und äusseren Ereignisse hinweg. Die Frage lautet nicht „Bist du Christ oder Jude?“ Vielmehr ist da ein Angenommen-Werden unter religiösen Menschen, die sich wenigstens in einer Sache einig sind (ob Baum oder Zweig): Es gibt G“tt und dieser G“tt ist ein G“tt der Gnade und der Hoffnung. Letztlich lenkt allein dieser G“tt unsere Wege. Auch wenn die Wege unerfindlich sind. Der Auszug aus Ägypten ist eben auch eine Geschichte der Umwege und letztlich eine Geschichte der Glaubensstärke, die ins Gelobte Land. Moses darf das Gelobte Land nicht betreten. Aber er beklagt sich nicht. Er gibt sich dem Willen G“ttes hin. Glaubensstärke.

Nein. Das Judentum missioniert nicht. Es werden Hindernisse sichtbar die überwunden werden müssen. Prüfungen sind zum Wachsen da. Nicht zum Resignieren. Letztlich ist es mit dem Übertritt zum Judentum ein bisschen so wie mit dem Weg der Israeliten ins Gelobte Land: Glaubensstärke ist gefragt. Wenn diese Glaubensstärke gelebt wird, darf der Mensch diesen Weg ganz ohne Hektik und Stress gehen.


Chabad zum Thema Gijur

13. August 2011

Eine Meinung zum Thema Gijur – von Chabad Lubawitsch.

Soll ich zum Judentum übertreten?

Ist das Judentum für jedermann?

von Tzvi Freeman

Frage?

Ich bin zufällig auf Ihre Website gestoßen und so begeistert, dass ich zum Judentum übertreten möchte. Meine Mutter war streng katholisch und mein Vater skeptisch anglikanisch und ging nie in die Kirche. Ich war immer so verwirrt. Doch Ihre Website hat mich wirklich angesprochen so dass ich denke, dass das Judentum das Richtige ist für mich. Was ist der nächste Schritt?

Antwort !

Ihr nächster Schritt bestünde darin, ein besserer Mensch zu werden, und größeres Vertrauen in Ihre Seele, in Ihre Bestimmung und in Ihren Schöpfer zu entwickeln. Vollbringen Sie gute Taten, suchen Sie Gleichgesinnte, lernen Sie mehr über das Thema, setzen Sie das Gelernte in die Praxis um, geben Sie dem Leben einen Sinn.

(…)


Stadt oder Land ?

17. April 2011

Wo kann man den Ulpan (und ggf. den Gijur) besser bestreiten? In der Stadt oder auf dem Land? Ich glaube nicht, dass, es eine Antwort, sozusagen für „alle“ gibt. Ich kann nur meine eigene Meinung schildern, die keineswegs entschieden ist.

Ich finde es schön, auf dem Land zu lernen. Da ist nicht die Hektik, nicht die Grösse, da sind nicht die Abgase der Stadt, da ist nicht der Lärm.

Gut. Von Yavne aus ist es kein Katzensprung nach Har Nof oder zur Westmauer. Auch kulinarisch gesehen fehlt das Village Green. Das alles hat Jerusalem zu bieten. Und noch einiges mehr.

Auf der anderen Seite ist Yavne schön ruhig und geräumig. Es gibt mehr als genug Platz, es gibt viele grüne Oasen innerhalb des Kibbutz.

Es gibt nicht viele religiöse Kibbutzim. Vielleicht ist das ganz gut so. Hätten die Kibbutzim diesen unglaublichen Beitrag zum Aufbau des Staates Israel leisten können, wenn sie religiös gewesen wären?

Ich kenne nur zwei religiöse Kibbutzim: Lavi und Yavne. Soweit ich weiss ist Yavne der einzige Kibbutz in dem man sich auf den Übertritt zum Judentum vorbereiten kann.

Jeder muss selbst entscheiden, was ihm wichtiger ist. Der Trubel einer Stadt oder die Ruhe des Kibbutz. Beides liegt ja auch nicht unendlich weit auseinander.

Die endgültige Prüfung vor dem Beth Din findet nicht in Yavne statt. Sondern vor dem Rabbinat in Jerusalem.

Da ist dann wieder beides, Stadt und Land, verbunden.


Ulpan im Kibbutz

16. April 2011

Das ist wirklich eine tolle Idee. Ein Ulpan im Kibbutz. Hier findet ihr die Startseite der Kampagne. Bitte den Lautsprecher anschalten. Es lohnt sich. Hier ist eine Liste der Kibbutzim die an dem Programm teilnehmen. Einige der Kibbutzim kenne ich. Wirklich schöne Orte, um sich zu erholen und zu lernen. Yavne ist übrigens ein religiöser Kibbutz. Das ist interessant für Menschen, die zum Judentum übertreten wollen, und gleichzeitig einen Ulpan benötigen. Ich denke es gibt kaum einen besseren Ort um Religion und Hebräisch Lernen zusammenzubringen. Yavne hat einen familiären Charakter und es ist möglich, schnell Freundschaften zu schliessen. An Schabbat, so ist es im Normalfall, wird man in eine Familie eingeladen und gleich „integriert“. So lernt man sozusagen direkt vor Ort die Sprache und das jüdische Leben kennen. Ich finde das beschriebene Programm wirklich toll und kann nur empfehlen, wenn jemand Hebräisch lernen möchte und etwas Zeit hat, eine Teilnahme ins Auge zu fassen.


Wird nach dem Gijur alles besser ?

28. Februar 2011

Ich habe Konvertiten gesehen die glaubten nach dem Übertritt zum Judentum wird alles besser werden. Die persönlichen Lebensumstände, die Sorgen, würden weichen. Ich verstehe diese Hoffnung, und gleichzeitig finde ich es schade zu sehen, wie wenig von diesen Hoffnungen in der Realität eintritt.

Faktisch gesehen ist der Übertritt zum Judentum, ich schrieb es schon, ein Prozess. Wenn man Übertritt sollte man, möglichst und nach dem eigenen Mass, als bewusster Jude leben. Das Mass, davon bin ich überzeugt, sollte nicht der Rabbiner beurteilen. Es geht darum das der Mensch selbst, der Konvertit, mit diesem Mass wirklich zufrieden ist. Zufrieden in seinem Herzen. Mit dieser Zufriedenheit mit sich selbst soll der Mensch dann vor G“tt treten. Der Rabbiner ist nicht G“tt. Er ist letztlich auch nur ein Mensch. Es geht darum, mit ehrlichem Herzen vor G“tt treten zu können. Auch die Gemeinde ist nicht G“tt. Deren Bewertungen und Kommentare sind zweitrangig. Erstrangig ist das ehrliche Bemühen mit reinem Herzen vor G“tt stehen zu können.

Dadurch wird, was irdische Probleme angeht, nichts besser. Dadurch ändert sich nichts an den Schwierigkeiten mit der Familie oder dem Finanzamt. Es geht um eine andere, quasi metaphysische, Ebene. Gerade diese Ebene wiederum kann kein Rabbiner und keine Gemeinde bewerten. Ich finde es schlimm, wenn Menschen glauben, die irdische Ebene unserer Realität, durch den eigenen Übertritt verändern zu können. Schon zu viele Menschen sind an diesem Missverständniss traurig gescheitert und verhärtet. Das ist dann eine sehr tragische Folge einer nicht realisierbaren Erwartung.

Was sich durch den Übertritt, überhaupt durch eine Hinwendung zu einem religiösem Leben, ändern kann ist die Art und Weise wie man mit Problemen umgeht, wie man der hiesigen Sphäre des Alltäglichen begegnet.

Ich kann nicht tiefer fallen als in G“ttes Hand.

Davon bin ich überzeugt. In Traurigkeit, in Krankheit, in Tränen. G“tt wacht und hält seine Hand über die Beladenen und Traurigen.

Rabbi Nachman von Breslav hat das schön formuliert:

Kol HaOlam Kulo, Gescher zar me’od, Gesher zar me’od.

VeHa’ Ikar lo lefached klal.

Die ganze Welt ist eine schmale Brücke und die Hauptsache ist, sich nicht zu fürchten.

Wenn ich Angst habe, singe ich diese Melodie oft leise vor mich hin. Heisst dieser Text nicht auch: Du musst Dich nicht fürchten, auch wenn die Brücke schmal ist? Du musst Dich fürchten, wenn die Brücke wackelt? Denn G“tt hält die Hand über Dich und wird Dich auffangen, wenn die Brücke zerbricht. Davon bin ich fest überzeugt. Diese Gewissheit habe ich erst durch die Hinwendung zum Judentum gewonnen. Das ist für mich ein schöner Lernerfolg. Es verändert sich also tatsächlich etwas mit dem Übertritt zum Judentum. Es verändert sich etwas in mir selbst.


Gijur und der Faktor Zeit

28. Februar 2011

Gelegentlich habe ich das Gefühl der Übertritt zum Judentum ist ein sportlicher Wettbewerb. Es gibt Menschen die es unheimlich eilig haben den Übertritt zu schaffen. Und das in Rekordzeit. Ich habe ja Verständnis, wenn eine Heirat bevorsteht oder Nachwuchs auf dem Weg ist. Dann sollte es mit dem Gijur wirklich schnell gehen. Aber wenn das alles nicht gegeben ist – Warum dann diese Eile?

Ich betrachte den Übertritt zum Judentum als einen Lebensprozess. Es geht nicht darum, etwas zu gewinnen oder zu verlieren. Es geht nicht darum, materiell für sich zu sorgen. Dieses Problem sollte, meines Erachtens, schon vor dem Übertritt geregelt sein. Ich halte einen Gijur Prozess dann für sinnvoll, wenn man sich voll darauf konzentrieren kann und nicht durch äussere Umstände gehindert werden kann.

Ich denke der Übertritt zum Judentum ist mit dem Beth Din nicht abgeschlossen. Das Beth Din ist eine, zugegeben wichtige, Station auf dem Weg des Prozesses. Eine Schaltstelle. Aber nicht mehr. Die Rabbiner können zwar Wissen abfragen. Aber sie wissen nicht, wie es in unseren Herzen aussieht. Ich glaube es ist schlimm genug, mit belastetem Herzen überzutreten. Oder nicht aus vollständig freiem Willen. Wenn die Seele aber nicht frei ist und nicht wirklich bereit den Weg des Prozesses anzutreten, dann ist der Übertritt in gewisser Weise nicht ehrlich. Nur um anderen etwas zu beweisen, sollte der Übertritt nicht geschehen. Beweisen auch im Sinne von: „War ich nicht schnell?“ scheint mir der Sache nicht angemessen zu sein. Es geht nicht um die Schnelligkeit eines Übertrittes. Es geht darum wirklich zu verstehen und in jedem Zipfel des Willens zu erleben, was dieser Übertritt bedeutet. Das ist nicht einfach ein Wechsel einer Religion. Gijur bedeutet, sich einer Schicksalsgemeinschaft anzuschliessen. Ein befreundeter Rabbiner, in Nahariya, hat mir einmal gesagt mein Gijur hätte schon seit langer Zeit begonnen. Seitdem ich angefangen habe mich mit Israel zu beschäftigen und zu solidarisieren, hätte ich mich der Schicksalsgemeinschaft angeschlossen. Der israelischen Schicksalsgemeinschaft wie der jüdischen. Und mit jedem Einsatz für Israel, so sagt er, wird die Schicksalsgemeinschaft fester. Auf beiden Seiten.

Nein. Gijur ist kein Prozess, der mit Schnelligkeit zu tun hat. Vielleicht ist Gijur sogar ein zeitloses Unterfangen. Eine Reise, die vorbestimmt ist, eine Reise, deren Ziel alleine G“tt kennt. Deswegen bin ich so gelassen in dieser Zeit. Kein Zeitdruck. G“tt alleine kennt den Weg und das Ziel. Wem sonst sollte ich mich anvertrauen?


Gijur als Minenfeld

28. Februar 2011

Irgendwie habe ich das Gefühl, der Gijur (Übertritt zum Judentum) und das Schreiben darüber, gleichen einem Minenfeld. Selbst in der politischen Debatte habe ich selten ein Thema erlebt, das mit so viel (unnötigen) Emotionen vollgepackt ist, wie das Thema „Übertritt zum Judentum“. Ehrlich gesagt finde ich diese Tatsache traurig und am Thema vorbei.

Letztlich geht es beim Übertritt zum Judentum um eine Sache, die in erster Linie, zwischen dem Kandidaten/der Kandidatin und G“tt abläuft. Der Rabbiner, die Gemeinde, andere Konvertiten, spielen nur eine Nebenrolle in diesem Zusammenhang. Deshalb finde ich es übrigens auch bedauerlich das nicht alle Richtungen des Gijur gleichberechtigt anerkannt werden. Auch da haben wir es mit einem Minenfeld zu tun. Vor allem dann, wenn ein Umzug nach Israel, ins Auge gefasst wird.

Ich frage mich schon, warum dieses Thema derartige Minenfelder bietet. Sollten wir nicht froh und dankbar sein, wenn ein Mensch den Weg zu G“tt, den Weg zu den Quellen des Christentums, den Weg zurück zum Volk des Buches, findet? Warum machen wir Menschen, die diesen Weg gefunden haben, das Leben noch zusätzlich schwer?

In Gijur Foren finde ich, gerade in Diskussionen, eine Menge Menge abfällige Bemerkungen über Menschen, die den Weg zu G“tt gefunden haben. In meiner Einheitsgemeinde, gerade übrigens von geborenen und orthodoxen Juden, habe ich solche Bemerkungen noch nie gehört. Besonders von der Rebbezin und dem Rabbiner, aber auch von den Mitbetern, werde ich immer herzlich empfangen und im Gebet ernst genommen. Allerdings mache ich auch nicht den Fehler alles 100 % machen zu müssen. Ich stehe zu meinen Schwächen in der praktischen Umsetzung und im praktischen Leben. Nein, ich halte den Schabbes nicht so streng wie möglich und auch in Fragen des Kaschrut lasse ich manchmal 5 gerade sein.

Ich glaube es geht beim Schabbes und auch beim Kaschrut vielmehr darum seinen eigenen Standort, seinen Weg im Universum der Religion, seinen Standort vor G“tt zu finden. Was nützt es, die Gebote über zu erfüllen, und trotzdem kein gutes Herz zu haben? Bei allen Schwächen darf ich wohl von mir sagen das ich ein offenes Herz für meine Mitbeterinnen und Mitbeter habe. Das finde ich viel, viel, wichtiger als alle möglichen Gebote, so streng wie möglich, einzuhalten. Ich finde es schlimm, wenn Religion zum Zwang wird. Religion, gerade Judentum mit dem Gebot der Simcha (Freude) soll Menschen doch glücklich machen und nicht verhärten. Religion soll Menschen doch zusammenbringen und nicht die Herzen verhärten. Oder sehe ich das falsch?

Nein, ich will mich nicht auf das Minenfeld namens „Gijur Community“ begeben. Deshalb antworte ich auf manche Fragen nicht und lasse Unterstellungen einfach stehen. Ich muss mich nicht in jede dreckige Pfütze werfen.

Mir ist der positive Zugang zur Religion, meine Freude, meine Zufriedenheit, viel wichtiger als der Kampf im Minenfeld. Manchmal, das habe ich gelernt, ist es besser zu schweigen und Vorwürfe einfach so stehen zu lassen.

Letztlich ist es nicht wichtig was manche Menschen, von mir meinen, zu wissen. Die Waage des Gerichtes steht nicht in dieser Welt. Diese Waage steht in einer anderen, besseren, Welt und der Richter ist gutmütig.

Nein, ich bin kein Gerechter. Das wäre vermessen zu denken. Ich weiss, wer ich bin. Ich habe mir viel Schuld aufgeladen und darf nur hoffen, dass die Waage nicht zur schlechten Seite ausschlägt.

Ich darf, im Lichte des Glaubens, mit zunehmender Distanz auf mein Leben schauen, und weiss, im Lichte der Gewissheit das, nach dem irdischen Leben, nichts zu Ende ist. Licht. Das ist es, was ich sehe. Auch wenn es Dunkelheit und Trauer gibt. Das Licht kommt immer wieder und das Licht dominiert. Es ist kein kaltes Licht einer Glühbirne. Sondern das warme Licht von G“ttes Wegen. Ein Vorgeschmack auf das helle Licht des neuen, des ewigen, Jeruschalayim nach dem Kommen des Messias.

Und das Minenfeld? Ich hoffe, dass die Seelen dieses Minenfeld möglichst unverletzt verlassen und den Weg, hin zum Licht und zur Freiheit, finden. Noch in unseren Tagen.


Akzeptanz

30. August 2010

Werden Menschen, die zum Judentum übertreten, in den Gemeinden akzeptiert? Ich denke die Antwort lautet: „Ja“. Konvertiten werden akzeptiert. Vor allem von Menschen, die selbst religiös sind. Aber Konvertiten sollten nicht den Fehler machen alles 100 % genau zu nehmen und andere, geborene, Juden belehren zu wollen. Wer sich die Mühe macht auf andere einzugehen dürfte in den Gemeinden kein Problem haben.

Schwieriger ist die Sache mit der Akzeptanz bei Menschen, die selbst nicht religiös sind. Das ist keine Bösartigkeit. Aber diese Menschen können nicht verstehen, warum für Konvertiten die Religion so wichtig ist, dass sie einige Einschränkungen auf sich nehmen. Der Weg zum Übertritt ist nicht einfach. In dieser Zeit kann man auch andere Dinge lernen.

Trotzdem sind mir gerade die säkularen Freundinnen und Freunde so wichtig. Gerade mit diesen Menschen teile ich einige Interessen und Wissensgebiete außerhalb der Religion.

Religion ist wichtig. Aber man sollte sich auch noch mit anderen Dingen beschäftigen. Sonst wird die Sache ziemlich eindimensional und ungesund. Das wiederum verstehen dann auch die religiösen Juden, in der Synagoge und anderswo, nicht mehr. Und sie haben recht.


Tempo beim Gijur ?

9. Februar 2010

Immer wieder wundere ich mich ueber das Argument des “schnellen Uebertrittes zum Judentum”. Ich frage mich wirklich was Geschwindigkeit mit Gijur zu tun hat. Geht es beim Uebertritt nicht auch um Zufriedenheit ? Jedenfalls werden Menschen durch den Uebertritt zum Judentum nicht zu besseren Menschen und auch nicht – per se – gluecklich. Ich finde es voellig in  Ordnung sich mit dem „uebertreten“ viel, viel, Zeit zu lassen. Auch wenn es sich um einige Jahre handelt finde ich das in Ordnung. Es ist auch die Frage wo der Uebertritt stattfinden soll. Fuer mich kommt ja nur die nationalreligioese Variante in Betracht und das wiederum ist nur in Israel moeglich. Stichwort: Machon Meir. Ich hatte noch nie die noetige Zeit und/oder die noetige Gesundheit dazu. Zeit habe ich nun . Gesundheit noch nicht. Erst wenn alle Rahmenbedingungen stimmen werde ich das „Projekt“ bewusst und entschlossen in Angriff gehen. In der Zwischenzeit lerne ich alleine und gehe, wenn die Gesundheit es zulaesst, gerne in „meine Schul“. Ich weiss schon was jetzt an Kommentaren kommt. Aber ich messe den ehrlichen Willen und die Bereitschaft dem juedischen Volk faktisch anzugehoeren nicht an zeitlichen Massstaeben. Vielleicht ist es auch immer eine Frage wie sicher man sich bei seinem Rabbiner fuehlen kann. Ich kann mir da sehr sicher sein. Der Rabbiner steht hinter seinen Leuten. Ohne Vorbedingung, ohne Hektik, ohne Aufgeregtheit. Deshalb sehe ich wohl auch gerade in Sachen Gijur vieles weniger verbissen und dramatisch.


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