Vor Beginn des G”ttesdienstes am Freitagabend gab der Rabbiner einen Unterricht zu den hohen Feiertagen.
Ich höre meinem Rabbiner immer wieder gerne und sehr fasziniert zu. Der Rabbiner nimmt mit seinem Sprechen den ganzen raum der schul ein. Man kann das schwer beschreiben. Der Rabbiner redet intensiv, verdichtet, lebendig. Es ist wirklich ein Vergnügen, dem Rabbiner zuzuhören.
Der Schiu ist immer so lebendig. Ich habe das Gefühl als würde der Rabbiner mich mit auf eine Reise nehmen. Ich lasse mich gerne auf die reise ein. Ich schwebe Jahrtausende zurück. Zum Sanhedrin, den es leider nicht mehr gibt. Möge der Messias kommen und den dritten Tempel erbauen. Dann gibt es auch wieder einen Sanhedrin.
Auf den Sanhedrin kam der Rabbiner im Zusammenhang mit den jüdischen Monaten, d.h. der Zeitrechnung, zu sprechen. Zur Zeit des Zweiten Tempels gab es noch keine Flatrate. Auch keinen PC. Diese Entwicklungen haben ein paar Jahrtausende später das Licht der Welt erblickt.
Um den Beginn eines neuen Monats festzustellen, mussten zwei Männer zum Sanhedrin kommen. Anhand der Sterne und nach einer Befragung durch den Sanhedrin wurde der neue Monat ausgerufen. Das ist jetzt sehr simpel geschrieben.
Ich schreibe das nur, um Folgendes darzustellen: Der Rabbiner hat so intensiv gesprochen das (nicht nur ich) das Gefühl hatte im Sanhedrin zu sitzen. Religiöse Inhalte müssen nicht langweilig sein. Es hängt letztlich immer an Personen.
Der Rabbiner und seine Zuhörer kennen sich. Wenn dann noch eine so ungeheure Gabe zum Lehren dazukommt, sind jüdische Inhalte spannend wie ein Krimi. Mein Rabbiner ist ein wirklich begnadeter Lehrer.
Beim Schiur ging es um die Hohen Feiertage. Es ging um Rosch Haschana und Jom Kippur. An Rosch Haschana wird das Urteil gefällt und aufgeschrieben. An Jom Kippur wird das Urteil verkündet. In der Zeit zwischen Rosch Haschana und Yom Kippur haben wir die Möglichkeit das Urteil zu beeinflussen. Wir haben Einfluss auf das Urteil.
Judentum ist nicht nur eine lebendige Religion. Judentum ist eine tätige Religion. Wir können und sollen aktiv sein. Wir sollen im Leben stehen. Religion soll nicht dazu dienen sich vom Leben abzuwenden. Religion zeigt sich im Umgang mit anderen Menschen.
Judentum ist auch eine Religion die personalisiert. Warum feiern wir jedes Jahr Pessach ? Warum gibt es jedes Jahr einen Sederabend ? Warum feiern wir seit Jahrtausenden immer die gleichen Feste. Warum gibt es immer den gleichen Inhalt ? Ist das nicht Pflichterfüllung ? Wird das nicht langweilig ?
Der Rabbiner führte aus, dass es im Judentum ein kleines “Geheimnis” gibt. Dieses “Geheimnis” ist die Personalisierung. ICH ziehe aus Ägypten aus. ICH stehe am Berg Sinai. ICH bin gemeint wenn das Schofar ertönt. Letztlich werde ICH vor dem, strengen und liebevollen, Richter stehen. Was für MICH gilt, das gilt auch für alle anderen. Aber Religion wird oft nicht verstanden, Religion kann zum Ritual werden, wenn die persönliche Ansprache nicht gegeben ist. Dass WIR entbindet nicht von persönlicher Verantwortung.
Sollen doch die anderen machen. Ich schließe mich an. Um diese Passivität zu vermeiden, ist das Judentum auf jeden Menschen im Volke Israel fixiert. Jeder ist mit seinen Schwächen und Stärken willkommen. Auf der anderen Seite hat jeder auch seine Pflichten.
Es gibt eine gemeinsame Grundlage. Diese Grundlage wird durch die Personalisierung für jedes Mitglied des jüdischen Volkes verpflichtend und auch (vielleicht) Teil des täglichen Lebens. Letztlich geht es darum – durch die Personalisierung – das Volk Israel zu vereinen.
“Wir sind ein Volk, ein Volk.“
Dieses Zitat stammt von Thedor Herzl.